Buchrezensionen

“Weide deine Augen” – Graham Swift: Ein Festtag

Selten hat mich ein Buch so glücklich gemacht wie “Ein Festtag” von Graham Swift, obwohl es genau genommen nur eine längere Kurzgeschichte ist, die viel zu schnell endet – oder doch zum richtigen Zeitpunkt? Graham Swift schreibt mit einer solchen Eindringlichkeit, dass alles, was er beschreibt, lebendig wird, jener sonnenbeschienene Märztag 1924, jener “Festtag”, um dem es in seinem Buch geht. Alles sah ich vor mir, Pauls Schlafzimmer mit der Waschkommode und Janes rissige Hände, die beiden Herrenhäuser und den Zigarrettenrauch.
Jane ist ein Dienstmädchen, ein Waisenmädchen, doch sie hat sich den Zugang zu Büchern erkämpft, die nun ihren Kopf mit allerlei neuen Worten und Gedanken anfüllen, die sie glücklich machen und schlussendlich zu ihrer wahren Bestimmung führen. Paul stammt aus reichem Elternhaus, heiraten soll er, schon in zwei Wochen, aber an diesem Sonntag, dem “Mothering Sunday”, sind alle ausgeflogen, auch die Dienerschaft und so können Paul und Jane kostbare Stunden zusammen verbringen, viel kostbarer aber sind die Stunden, die Jane danach mit sich selbst verbringt, sich selbst gewahr wird, während sich unweit von ihr eine Tragödie abspielt, über deren Ursache uns der Autor im Unklaren lässt.

Jane wird Schriftstellerin und als alte Frau blickt sie auf jenen Märztag 1924 zurück, an dem die Welt mit ihren Hierarchien und Standesunterschieden noch eine andere war und sie Paul liebte, den sie nicht lieben durfte. Erst mutet “Ein Festtag” an wie die Geschichte einer verbotenen Liebe, dann aber erzählt es die Geschichte einer wahren und glücklichen Liebe: die zu Büchern und zum Schreiben. Ein wundervolles, leises Buch und mehr als einmal ging mir beim Lesen durch den Kopf, dass Graham Swift seine Kunst so gut versteht, dass er dieses Buch schrieb, wie Jane es geschrieben hätte, oder besser: eine Frau.

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