Schreiben lernen

Aus welcher Perspektive erzähle ich meine Geschichte? Die Vor- und Nachteile der drei häufigsten Erzählperspektiven

Im Gespräch mit jungen/neuen Autoren fällt mir auf, dass es oft Unklarheiten gibt bezüglich der Erzählperspektive. Besonders der auktoriale und der personale Erzähler werden häufig durcheinander gebracht. Welche Perspektive wann die richtige sein könnte, habe ich bereits hier gezeigt. Jetzt soll es darum gehen, wie man welche Perspektive richtig anwendet:

Die auktoriale Perspektive

Das herausragende Merkmal des auktorialen Erzählers ist, dass er allwissend ist. Er schwebt sozusagen über der Geschichte und weiß viel mehr als die Figuren darin. Er ist nicht an eine Zeit oder einen Ort gebunden und kann sogar die Gedanken der Figuren lesen. Zu diesem Zweck kann er aus seiner allwissenden Position absteigen und Gedanken einer Person wiedergeben, was eine Art Perspektivenwechsel innerhalb der auktorialen Perspektive darstellt und zu den Herausforderungen dieser Perspektiwahl zählt. Er eignet sich immer dann besonders, wenn wir besonders viele Informationen brauchen, um überhaupt in eine Geschichte einzutauchen, zum Beispiel bei historischen Stoffen oder ähnlichem, weil er uns sehr schnell sehr konkret eine Szene beschreiben kann:

“Wie an jedem Morgen fütterte Elisabeth zuerst die Hühner, nachdem sie im großen Ofen in der Küche das Feuer entfacht hatte. Das Leben als Magd war hart und voller Arbeit und dennoch hatte sie es leichter als sie Horden von Armen, die seit dem letzten Krieg die Landstraßen bevölkerten. Ihre Herrin, die Gräfin von Weckersbach, war streng, aber großzügig und ließ ihr viele Freiheiten, vielleicht auch, weil ihr das Mädchen mit dem freundlichen Lächeln und den roten Wangen gut gefiel.”

Aus nur drei Sätzen haben wir nun eine ganze Menge über Magda, ihr Leben und das Setting um sie herum erfahren. Wir wissen, wie sie die Situation sieht und sogar wie ihre Arbeitgeberin sie sieht. Aus der Ich-Perspektive wäre das sehr viel schwieriger geworden, denn der Ich-Erzähler kann nur die Gedanken einer Figur wiedergeben.

Allerdings birgt auch die auktoriale Perspektive zahlreiche Stolpersteine. So kann die Perspektive nicht beliebig oft gewechselt werden, da es sonst den Leser verwirrt. Auch ist die Verführung groß, den auktorialen Erzähler wie eine eigene Figur mit eigenen Gedanken auftreten zu lassen, wie es gerade in klassischen Romanen oft der Fall ist, allerdings ist das heute ganz und gar aus der Mode gekommen und wird von den Lesern nicht sehr geschätzt. Bei großen Stoffen aber kommt man um ihn nicht herum, doch der Perspektivwechsel innerhalb der auktorialen Perspektive ist gar nicht so einfach und sollte jedes Mal wohlüberlegt sein. Am besten ist es, sich von Anfang an nur auf wenige Personen zu beschränken, die für die Entwicklung der Geschichte von entscheidender Bedeutung sind. Dabei ist es gerade am Anfang gar nicht so einfach, die Perspektive zu beschreiben. Wenn wir etwa eine Landschaft beschreiben, dann macht es einen Unterschied, ob wir sie aus der Sicht einer der Figuren beschreiben, etwa:

“Sanft erhoben sich vor ihr die ersten Hügel der Appalachen im ersten Morgenlicht, als Anne die Fensterläden öffnete.”

Hier ist es die Perspektive von Anne, der wir folgen.

oder:

“Die Appalachen bildeten eine jähe Unterbrechung der Wälder und Hügel und reichten weit bis in den Norden.”

Hier sieht der Erzähler Dinge, die Anne aus ihrer Perspektive heraus nicht sehen kann. Gerade ungeübten Autoren passiert es oft, dass sie unbewusst in der auktorialen Erzählperspektive hin- und herwechseln, häufig sogar in einem Satz, was die Leser über kurz oder lang irritiert. Ein guter Weg ist, sich vor jedem Satz immer genau zu überlegen, aus welcher Perspektive er erzählt wird und dies durch Nennung des Namens deutlich zu machen. Als grobe Regel sollte man nie innerhalb eines Absatzes die Perspektive wechseln.

Dennoch hat die auktoriale Perspektive unübersehbare Stärken: Mit ihr können wir ein wenig in die Zukunft blicken und Andeutungen machen. Die Spannung in Thrillern oder Horrorgeschichten etwa funktioniert häufig nur über die auktoriale Perspektive, da wir mehr wissen als die Figur selbst und mitfiebern, wann sie denn nun dahinter kommt. Im Theater nennt man das “Suspense”, jenen Moment der Ungewissheit, wann ein bestimmtes Ereignis eintreten wird, mit der gleichzeitigen Sicherheit, DASS es eintreten wird. Alfred Hitchcock war ein Meister der Suspense. Auch Enthüllungen können nur mit der auktorialen Perspektive gelingen.

Der auktoriale Erzähler begegnet uns vor allem in klassischen Romanen wie bei Goethe oder Fontane. In modernen Romanen ist er weniger beliebt, weil er weniger authentisch wirkt. Immerhin kann uns dieser Erzähler alles erzählen – ob es stimmt, können wir ja nicht überprüfen. Er steht stellvertretend für den Autor und das kann rasch als belehrend empfunden werden. Für Leser heute ist es wichtig, dass sie mit den Figuren mitfühlen und leiden, das wird in der auktorialen Perspektive sehr viel schwieriger als in der personalen oder der Ich-Perspektive. Der auktoriale Erzähler kann gar nicht anders, als durch seine Allwissenheit eine Distanz zu den Lesern zu bewahren, was sich negativ auf die Identifikation des Lesers mit den Figuren auswirkt. Eine gute Möglichkeit aber ist es, die auktoriale Perspektive mit anderen abzuwechseln, wie es aktuell in vielen sehr erfolgreichen Büchern und Buchreihen geschieht, etwa bei Catherine Shepherd und anderen Thrillern.

Die personale Perspektive

Die personale Perspektive gehört aktuell neben der Ich-Perspektive zur beliebtesten Perspektive. Der Leser erlebt die Geschichte durch die Augen einer Figur und ist ganz dicht dran an geschehen, und auch, wenn gerade kein Dialog abläuft, folgt die Erzählung seiner Wortwahl und Wertung. Das erzeugt sehr schnell eine große Identifikation und Nähe mit der Geschichte, ohne, gerade bei intensiven Stoffen, zu nah zu sein. Der Autor selbst verschwindet hinter dieser Perspektive, denn die Leser haben das Gefühl, die Geschichte nur aus der Sicht der Figur zu erzählen, der die personale Perspektive folgt. Anders als der Ich-Erzähler aber spricht der personale Erzähler die Leser nie direkt an und wird deshalb als sehr angenehm und unseren Lesegewohnheiten entsprechend empfunden. Gerade in der Unterhaltungsliteratur erfreut sich diese Perspektive deshalb ungebrochener Beliebtheit und ist deshalb auch für unerfahrene Autoren von Vorteil: Da wir den Gedanken einer Figur folgen, ist es sehr leicht, diese zu charakterisieren und aus einer ansonsten schlichten Beschreibung wird schnell ein funktionaler Teil der Geschichte, wie in dem folgenden Beispiel:

“Mr. Milgrim gehörte mit Abstand zu den nervigsten Lehrerin an der Schule. Wann immer er konnte, lauerte er Susie regelrecht auf und bombardierte sie mit Fragen, ganz so, als sei sie ein exotisches Untersuchungsobjekt. Ob der Typ wusste, dass er widerlichen Mundgeruch hatte und seine Krawatten seit etwa 100 Jahren aus der Mode waren? Susie war sich nicht sicher, wie lange sie ihn noch mit Antworten vertrösten konnte, doch wenn ihr das nicht gelang, kam er vielleicht noch auf die Idee, bei ihr zu Hause aufzutauchen, durchgeknallt wie er war.”

Wir lernen Mr. Milgrim aus Susies sehr voreingenommener Perspektive kennen, doch durch seine Beschreibung erfahren wir nicht nur etwas über ihn, sondern auch über sie. Aus der auktorialen Perspektive hätte diese Beschreibung sehr hölzern gewirkt und gegen das berühmte “show, don’t tell” verstoßen:

“Mr. Milgrim trug gerne altmodische Krawatten und ging nicht gerne zum Zahnarzt. Außerdem mischte er sich gerne in das Leben seiner Schülerinnen ein.”

Ein weiterer, wichtiger Vorteil der personalen Perspektive ist ihre Flexibilität. Zwischen Nähe und Distanz zu den Figuren kann sehr leicht abgewechselt werden, ohne den Leser vor den Kopf zu stoßen. Ein wichtiges Merkmal ist, dass er mit den Augen eines Charakters auf die Ereignisse blickt. Er kann dabei, wie ein Kameraauge, auf Distanz gehen, oder sich sozusagen an die Augen einer Figur heften. Das Kameraauge ist immer dann sinnvoll, wenn man die Leser noch ein wenig hinhalten und noch nicht zu viel verraten möchte. Gleichzeitig ist das auch die große Beschränkung der personalen Perspektive: Wir sind beim Erzählen auf diese eine Perspektive festgelegt, was sich nachteilig auf andere Sichtweisen und Erzählstränge auswirken kann. Natürlich ist es möglich, ein Buch aus mehreren personalen Perspektiven zu erzählen, doch auch hier ist Sparsamkeit angeraten. Eine gute Faustregel ist es, in jedem Kapitel immer nur der Perspektive einer Figur zu folgen und auch nicht aus Versehen in die auktoriale Perspektive zu springen, wie in dem folgenden Beispiel:

“Maya lag ausgestreckt aus dem Bett und dachte an Tom. Sie sehnte sich nach seinen starken Händen und dem Gefühl seiner Lippen auf den ihren. Auf ihrem Rücken malten sich die Schatten der Rolläden ab und formten eigenartige Schlangenlinien.”

Wenn Maya auf dem Bett liegt, kann sie nicht ihren Rücken sehen und wenn sie gerade an Tom denkt, wird sie nicht über Rollläden nachdenken.

In der personalen Perspektive kommt es auf Gefühle an. Wenn wir mit unsympathischen oder schwierigen Hauptfiguren arbeiten, ist es sinnvoll, die Geschichte vielleicht aus der Sicht eines Nebencharakters, eines Sidekicks zu erzählen, der den Lesern sympatischer ist. Das bedeutet aber auch, dass dieser Nebencharakter in jeder Szene anwesend sein muss, was nicht ganz einfach zu bewerkstelligen ist, oder aber Sie nutzen mehrere Charaktere, aus deren personaler Perspektive sie erzählen. Generell gilt, dass die personale Perspektive mehr Raum braucht, um eine Geschichte gut zu erzählen.

Der Ich-Erzähler

Das “Ich” in einem Buch erzeugt sofort Vertrautheit und Nähe, doch was sein Segen ist, ist zugleich auch sein Fluch, denn die Ich-Perspektive schränkt den Handlungsrahmen ein. Wenn eine Ich-Figur erzählt, ist es schon klar, dass sie die Ereignisse überleben wird, sonst könnte sie ja nicht davon erzählen (Ausnahmen sind Kunstgriffe wie bei “Tote Mädchen lügen nicht”, bei denen die Szenen in der Ich-Perspektive vom Band ablaufen, nachdem die Hauptfigur bereits tot ist) und außerdem darf der Ich-Erzähler nichts verschweigen oder gar lügen, um den Leser auf eine falsche Fährte zu führen.

Trotzdem ist die Ich-Perspektive gerade bei sehr emotionalen Geschichten ein großartiges Werkzeug und eignet sich auch für unerfahrene Autoren. Wichtig ist auch hier wieder, dass man nicht unbewusst in eine andere Erzählperspektive wechselt und den Lesern genug Möglichkeit zur Identifikation anbietet. Dann sind diese sogar bereit, charakterliche Veränderungen zum Negativen hin mitzumachen und nachzuvollziehen, wenn ansonsten die negativen Eigenschaften nicht überwiegen. Jemand kann zum Beispiel ein gekonnter Manipulator sein, aber er darf dann nicht noch eitel oder gewalttätig sein. An irgendeiner Stelle muss es Anknüpfungspunkte geben, etwa die Ängste, unter denen eine solche Figur leidet oder die Zwänge, denen sie sich gegenüber sieht. Mit dem Ich-Erzähler sind wir ganz dicht dran an der Geschichte.

“Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Solange hatte ich mich nach diesem Augenblick gesehnt, hatte ihn mir vorgestellt, ihn ausgemalt, doch nun, wo er da war, wollten die Worte einfach meinen Mund nicht verlassen. Mein Vater sah mich hoffnungsvoll an, aber wieder würde ich nichts anders tun, als ihn zu enttäuschen, so wie ich es von kleinauf getan hatte. Ich war die falsche Tochter und würde es immer bleiben.”

Der Ich-Erzähler nimmt uns automatisch viel Arbeit bei der Charakterisierung ab und macht es uns leicht, die Veränderung einer Hauptfigur über den Verlauf der Geschichte abzubilden. Entscheidend ist, dass der Ich-Erzähler nicht identisch mit dem Autor ist, sondern ein eigener Charakter, der vor dem Schreiben sorgfältig entwickelt werden sollte. Auch muss die Frage beantwortet werden, warum der Ich-Erzähler uns diese Geschichte überhaupt erzählt – das ist in anderen Perspektiven nicht so.

In der Konzeptionierung eines Buches macht es Sinn, die Vor- und Nachteile einer bestimmten Erzählperspektive einmal durchzuspielen und sich vorher genau zu überlegen, wann und an welcher Stelle man vielleicht sogar zwischen ihnen wechselt.

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