Buchrezensionen

Von Elend, Stolz und der Eifel – “Kamillenblumen”

Manchmal gibt es diese Bücher, die dir zuflüstern, dir etwas verheißen. “Kamillenblumen” von Ute Bales ist so ein Buch. Immer wieder mal ist es mir in einem Shop begegnet, doch ich kaufte es nie. Nun habe ich aber erst kürzlich einen neuen Ebook-Reader bekommen und “Kamillenblumen” war das erste Buch, das ich mir dort kaufte.

Was für ein Geschenk! Was für eine Autorin und was für eine Hauptfigur! Dieses Buch sollte mit Preisen überschüttet werden! Die Hauptfigur ist “Traude”, die unter dem Namen Gertrude Feiler Anfang des 20. Jahrhunderts wirklich durch die Eifel zog. Geboren in Kolverath, verliert die Mutter früh Haus und Hof, nachdem der Vater und die jüngere Schwester sterben. Traude, damals knapp 10 Jahre, und ihre Mutter gehen auf Wanderschaft, leben, leidlich geduldet, bei Verwandten, schuften, werden verachtet und immer wieder davon gejagt. Traude ist klug, lernt so schnell, dass der Lehrer vorbeischaut und sie auf die höhere Schule schicken will, doch die bösartige Tante lacht darüber. Die Kinder hänseln sie und spotten. “Bettelmensch” nennen sie sie. Der Einzige, der sie nicht so betrachtet, ist Paul, der Nachbarsjunge, doch da sein Vater einigermaßen wohlhabend ist, darf Paul sich nicht mit ihr abgeben.

Die Eifel am Anfang des 20. Jahrhunderts, das war das “Armenhaus Preußens”. Sehr eindringlich erzählt Ute Bales von der Armut, dem harten Kampf der Eifelbauern um das Überleben, die kalten Winter, die undankbare Lavaerde, dem Neid unter den Bauern und der schweren, harten Arbeit. Die Mutter hadert mit dem Schicksal, will für ihre Tochter ein Auskommen schaffen und scheitert doch immer wieder. Trotzdem erleben die beiden Momente voller Freiheit und Einigkeit, wenn sie unter freiem Himmel schlafen oder durch die im Frühling erblühende Eifel wandern. Glücklich schätzen könnten sie sich, dass sie noch Arme und Beine haben, sagt die Mutter und gibt ihrer Tochter Kraft. Dann stirbt sie, ein Verlust, den Traude kaum verkraftet. Wochenlang irrt sie durch die Wälder, verloren, aufgegeben, hilflos, bis sie wieder zu Kräften kommt.

Traudes Leben ist hart und entbehrungsreich, voller Ungewissheiten. Sie besitzt nur, was sie am Leibe trägt. Manchmal verkauft sie getrocknete Kamillenblumen, nie weiß sie, was der nächste Tag ihr bringt. Immer wieder begegnet sie Paul, der sie aufrichtig liebt, doch Traude hat gelernt, den Menschen zu misstrauen und in ihr ist ein über die Jahre gewachsener Drang nach Freiheit. Sie will sich nicht einsperren lassen, sie liebt den freien Himmel und die Eifel. Deshalb geht sie auch nicht fort, als die Nazis an die Macht kommen. Ihre Kraft, ihr Schicksal zu tragen, schimmert durch all die Seiten durch. Ute Bales ist eine meisterhafte Schriftstellerin, der es gelingt, Traude und ihr Leben so farbenfroh, so tiefgründig und echt abzubilden, dass man, wenn man die Augen schließt, die Traude fast zwischen den Eifelwäldern wandern sehen kann, mit stolzem, aufrechtem Schritt. Die Verachtung der Menschen um sie herum erträgt sie mit hocherhobenem Kopf, Schlimmes geschieht ihr, doch der Lebenswille in Traude ist so stark, dass sie all das übersteht.

Ihr ganzes Leben lang wird sie auf Wanderschaft sein, bis sie Anfang der 1960er Jahre krank und verwirrt gegen ihren Willen in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wird, wo sie einsam stirbt. Den freien Himmel der Eifel, den sie so sehr liebt, sieht sie nicht mehr. Ute Bales hat eine einzigartigen biografischen Roman geschaffen, der mich mehr als einmal zu Tränen gerührt hat und ein wenig auch Heilung für mich bringt. Ich habe mich oft gefragt, warum die Menschen in der Eifel, in der ja auch meine Wurzeln liegen, so verschlossen sein können, ihre Herzen so verbergen. Ute Bales’ Roman zeichnet das Bild einer Gesellschaft, deren Herzen so rau sind wie die Landschaft um sie herum, und die lieber einen fernen Gott glühend liebt, als den Nächsten um sie herum, die aber auch von einer bis heute unübertroffenen Dickköpfigkeit gezeichnet ist. Ich liebe dieses Buch und ich werde es noch viele Male lesen und verschenken. Es ist ein Buch, das Kraft gibt. Selbst im schwersten Schicksal liegen Glück und Würde. Ich danke Ute Bales dafür, dass sie Traude ein Denkmal gesetzt hat und ihr damit nach dem Tod jene Anerkennung gegeben hat, die man ihr Zeit ihres Lebens verwehrt hat.

Hier singt Karl Wolfram das Lied von der Lilofee, das Traude ihr Leben lang begleitet, auf Schallplatte:

 

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