Buchrezensionen

Vom Fehlen der Demut: “Ikarien” von Uwe Timm

Deutschland, 1945, die Stunde “Null”. Zerbombte Städte, umherziehende Menschen und über allem die Frage: “Wie ist das möglich?” Michael Hansen ist Soldat der US-Army mit deutschen Wurzeln und bekommt den Auftrag, das Denken Wirken von Alfred Ploetz, einem Rassenhygieniker, zu untersuchen. Das Deutschland, das Land der Mörder, das er vorfindet, ist ihm vertraut und fremd zugleich. Unter einer dünnen Firnis, in den Herzen und Köpfen der Menschen, das ahnt Hansen, lauert etwas, das er nicht in Worte fassen kann und das ihn zugleich fasziniert und verstört.

“Das Schreckliche, das Unaussprechliche. Es muss zur Sprache kommen. Die Trümmer. Im Sommer führten Wege über die Schutthügel. Trampelpfade. Dort ging der Trümmermörder. Dort lag die Asche. Dort lagen Knochenreste. Ziegelmehl. Humus. Fettes Gründ, Lupinen und Datteln, auch der Huflattich. Kleine Wolken flogen aus den Senken auf, Kohlweißlinge. Die Alten sagten, nie habe es so viele Schmetterling gegeben wie im Sommer 1945. Schädlinge seien das. Sie fraßen den Kohl mit ersättlicher Gier und auch der war knapp. Die Kinder jagten sie, schlugen mit dünnen Weidenruten nach ihnen, die Flügel zerfetzt, taumelten sie zu Boden. Wir waren die Retter. Wir töteten die Schädlinge.”

Schädlinge, um die geht es in Uwe Timms “Ikarien”, einem über 500 Seiten starken Roman, dessen Titel an den utopischen Gesellschaftsenturf “Ikarien” von Étienne Cabet angelehnt ist. “Volks-” oder “Erbschädlinge”, “Ballastexistenzen” nannten die Rassenhygieniker Menschen, die körperlich oder geistig behindert waren oder einer in ihren Augen minderwertigen “Rasse” angehörten. Ihre Theorie ebnete den Weg zur Ermordung jener, die unter diese Kategorien fielen. Dass an ihnen, ob in den KZs oder in den Heimen, lebend und tot, Experimente vorgenommen wurden, dass ihre Gehirne, die durch ihr Leid entstandenen Daten noch Jahrzehnte später für Forschungszwecke verwendet wurden, ist ein Teil der deutschen Geschichte, über den bis heute viel zu wenig gesprochen wird. Wie viele Menschen zwischen 1940 und 1945 tatsächlich durch aktives Töten oder durch Vernachlässigung starben, ist ungewiss, die meisten Täter kamen davon. Nur 6,8 Prozent standen je vor Gericht, die meisten Prozesse endeten mit einem Freispruch, viele der Täter machten in der Folge große Karrieren in der Wissenschaft und nutzten ihre erfolterten Daten weiter. Wie aber kommt man von der kommunistischen Utopie zur Rassenhygiene? Der Weg ist kürzer, als manch einer denken mag, das führt Uwe Timm vor, mal nüchtern, etwa mit der Verwendung entmenschlichter Begriffe wie “Kontraselektion”, die in ihrer kalten Grausamkeit beim Leser nachklingen, mal subtil, wenn er etwa in einem Nebensatz darauf hinweist, dass auch Schweden und Dänemark in den 1930er Jahren Zwangssterilisationen durchführten und dabei ähnlich argumentierten wie die Rassenhygieniker der Nazis.

Der französische Publizist Étienne Cabet, Autor des ersten Buchs mit dem Titel “Ikarien” , das 1840 erschien, hatte die Vorstellung einer egalitären Gemeinschaft, in der der von ihm formulierte “Klassengegensatz” der Müßigen und der Fleißigen aufgehoben war. Cabet galt als kommunistischer Vordenker, als Revolutionär, gern gesehen auch unter Sozialdemokraten. Fortschritt und Freiheit will man, für alle. Eine Gruppe Deutscher, unter ihnen Gerhart Hauptmann und seine zwei Brüder, versuchte sich in den USA an der Umsetzung dieser Utopie, die in ihrer Trennung zwischen Leistungsträgern und Leistungsempfängern bereits die Saat der Rassenhygiene und Eugenetik der Nazis in sich trägt. Der Versuch scheitert, die Führer der Gruppe, unter ihnen jener Alfred Ploetz, dem Uwe Timm in seinem “Ikarien” nachspürt, kommen in das Zwischenkriegsdeutschland zurück und dort vermischen sich die vermeintlich fortschrittlichen Ideen mit dem Rassenwahn der Nazis und bilden die ideologische Grundlage für die Aktion T4 und die anschließende leise Euthanasie, die, wie der Soldat Hansen entsetzt feststellt, in den Heimen sogar noch Ende des Krieges fortgesetzt wurde.

Götz Aly hat auf die Kontinuitäten der Euthanasie nach 1945 hingewiesen, die sich in Forschung und Medizin, aber auch im gesellschaftlichen Umgang zeigten. Nur vereinzelt haben Menschen begonnen, die Geschichten ihrer getöteten Familienangehörigen, den “Schwachsinnigen” und “Erbkranken” aufzuarbeiten, die systematisch vernichtet wurden, etwa in Grafeneck oder in Hadamar, dann still und leise in den Anstalten. Immer hatte ich das Gefühl, es nicht verstehen, nicht fassen zu können. Was geht da in einem Menschen, einer Krankenschwester vor, die einem behinderten Kind Luminal in den Brei mischt und damit selbst dann nicht aufhört, als der Krieg vorbei ist? Etwas an diesem Wissen oder konkret diesem Nicht-Wissen hat mich immer zutiefst beängstigt und mit Furcht erfüllt. Uwe Timm findet in “Ikarien” nicht weniger beunruhigende Antworten: Die Demut vor dem menschlichen Leben, vor der Würde des Einzelnen steht bei uns jeden Tag auf das Neue auf dem Spiel. Es sind nicht nur die populistischen Horden,  vor denen wir uns fürchten müssen, die hat jemand wie Ploetz auch verachtet,  viel gefährlicher ist die kalte Ratio von Wissenschaft und Wirtschaft, die weder Demut noch Moral kennt noch auf eine Ideologie festgelegt ist. Darwin und Marx, das passt prima zusammen, wie Cabets Utopie zeigt.

Uwe Timms “Ikarien” ist für mich das wichtigste Buch 2017. Er hat für uns in einen Abgrund geblickt und ihn mitten in das Licht gezerrt. “Ikarien” zeigt, dass zwischen Fortschritt und Utopie, zwischen einer besseren Welt für alle und dem Massenmord nur ein winziger Schritt liegt. Beides kann nicht getrennt voneinander gedacht werden. Darin liegt eine düstere Warnung an unsere Gegenwart und an unsere Zukunft: Wenn eine Ideologie ein großes Ziel vorgibt, dann ist Menschlichkeit schnell keine feste Größe mehr, wird verhandelbar und schließlich geopfert.

 

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