Buchrezensionen

Viele Welten in einer: “Liv” von Kevin Kuhn

Zwei Menschen, zwei Zeiten, in “Liv” erzählt Kevin Kuhn von zwei Menschen in unterschiedlichen Zeiten, die beide den Anbeginn einer “Neuen Zeit” erleben: Franz Frey im atemlosen Berlin 1928, der an einem Glücksrad eine Leica gewinnt und mit ihr den rauschenden Taumel der Stadt festhält, und die Israelin Liv, die in der Gegenwart vor dem israelischen Militärdienst flieht, in die Welt, nach Mexiko, in die USA und nach Neuseeland und dabei immer mehr Follower sammelt, für die sie ihr Leben bald ununterbrochen live streamt.

Franz erzählt uns in der Ich-Perspektive davon, wie es sich anfühlt, sich des Blicks der “Anderen” bewusst zu werden, wenn dieser hundertfach verstärkt durch ein Bild in der Zeitung auf uns fällt. Die Existenzialisten beschrieben dieses gesehen werden durch andere als Einschränkung unserer selbst, wir sehen die Welt nicht mehr, wir werden uns bewusst, dass wir von ihr gesehen werden, und zwar nicht nur von den wenigen Menschen in unserem direkten sozialen Netzwerk, sondern durch die Technik von immer mehr Menschen auf der ganzen Welt. Ein unbedachter Moment, ein Foto, das ihn festhält und veröffentlicht wird, und Franz wird eine Identität zugeschrieben, die er gar nicht will, der er aber auch nicht entkommen kann, außer mit letzten Mitteln.


Franz, der zunächst voller Überschwang für die Möglichkeiten der neuen Zeit ist, an deren Schwelle er sich verortet, nur um dann schwer über ihre Abgründe zu stolpern, Opfer eines Shitstorms wird, noch bevor es das Wort wirklich gab, steht für die Frage: Wer sind wir? Und sind wir, wie die anderen uns sehen?

Liv, fast einhundert Jahre später, ist der neuen Welt schon überdrüssig. Sie jagt um die Welt, als Backpackerin, die sich kaum der realen Begebenheiten um sich herum bewusst wird, Urwaldjunge in Mexiko, Gewalt an der Grenze zu den USA, Deutschland oder Österreich, für Liv alles austauschbar und ohne Bedeutung. Mit einem riesigen, virtuellen Netzwerk versucht sie ihre innere Leere und eine große Verlorenheit zu betäuben, den den einzigen Menschen, den sie wirklich erreichen möchte, verfehlt sie immer wieder, mit Worten und auch beim letzten Treffen.

Der Roman ist rasant und spannend erzählt, er ist unvorhersehbar und fesselnd und Kevin Kuhns Sprache hat mich gleich für sich eingenommen. Kevin Kuhn berührt mit “Liv” einen wunden Punkt, den die Generation Y und alle nach ihr gerne verdrängen: Wir alle können zwar durch die virtuellen Medien unsere eigene Story erschaffen, wir transzendieren, wählen, wer wir sein können, doch diese Wahl ist nur eine vermeintliche Freiheit. Ein unbedachtes Nacktfoto in einem Chat, ein emotionaler Moment vor der falschen Kamera und wir verlieren die Kontrolle über unsere Story und damit über unser Bild in der Welt, mit Konsequenzen, die wir nur schwer abschätzen können. Das Ende fand ich ein wenig enttäuschend. Als Jean-Paul Sartre sagte: “Die Hölle, das sind die anderen” meinte er damit, dass wir nach unserem Tod keine Kontrolle mehr darüber haben, wie die anderen uns sehen und bewerten, deshalb ist der Tod keine Ermächtigung der eigenen Geschichte, kein Zurücknehmen der eigenen Geschichte, sondern eine Kapitulation.

Liv von Kevin Kuhn, 496 Seiten, Berlin Verlag, 978-3-8270-1272-2, 22,00 €

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