Buchrezensionen

Unterleuten – die Hölle der Provinz

Ich bin selbst mindestens einmal im Jahr in Brandenburg, direkt vor den Toren Berlins und doch zugleich unendlich weit entfernt, da, wo die Einwohner ihr selbst gezogenenes Gemüse noch am Straßenrand verkaufen und alles irgendwie so frisch und urtümlich ist.

Juli Zeh hat mit ihrem Mittelgewichtsroman “Unterleuten” wie unter dem Brennglas all das festgehalten, was Zusammenleben in einem Dorf so großartig und so unendlich anstrengend macht, sie hat zugleich aber auch die ganz großen Fragen unserer Zeit und Spannungspunkte unserer Gesellschaft verhandelt. Was passiert, wenn all die erfolgreichen Städter doch lieber auf das Umland ziehen, weil sie irgendeiner romantischen Vorstellung von “Landleben” anhängen oder weil sie es schlicht in der Stadt nicht geschafft haben? Was passiert, wenn Geld oder die Aussicht auf Geld in über Jahrhunderte gewachsene Strukturen strömt, in denen jeder noch eine alte Rechnung zu begleichen hat? Wen schert der Naturschutz, wenn das Geld nicht reicht, um Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke zu kaufen?

Die Menschen in Unterleuten haben teilweise den Krieg, die Teilung Deutschlands, die Vergemeinschaftung, die DDR, den Mauerfall und den Kapitalismus überlebt. Für sie ist der Wald kein Naherholungsgebiet zum Spazieren, sondern ein Arbeitsplatz, an dem es schnell gefährlich werden kann. Ihre Angelegenheiten klären sie selbst und Fremde mögen sie nicht. Doch dann kommen sie, diese Fremden, aus Berlin, und bringen ihre Träume, ihre Vorstellungen und ihr Geld mit. Ein schwäbischer Investor kauft aus lauter Spaß den halben Landstrich auf und verschiebt die Kraftverhältnisse und als dann auch noch satte Gewinne für die Aufstellung von Windrädern winken, ist es mit dem brüchigen Frieden in Unterleuten endgültig vorbei. Es bilden sich unvorhergesehene Allianzen, alte Rechnungen werden beglichen und so mancher nimmt den Groll mit in das Grab. “Unterleuten” ist ein großartiger Gesellschaftsroman, der seinesgleichen sucht.

Beim Lesen konnte ich die staubige Hitze jenes Sommers 2010 regelrecht auf der Haut spüren, auch den Bromfelder schmeckte ich und ich liebte jede einzelne der Figuren, die Juli Zeh schuf. Jeder von ihnen könnte mir bei meinen Aufenthalten in der brandenburgischen Sommerfrische begegnen, so plastisch, so genau traf Juli Zeh die Menschen mit ihrem Buch und versäumte es dennoch nicht, sie leicht zu überzeichnen. Tatsächlich hatte Kron schon sehr früh meine Sympathie, obwohl da noch gar nicht fest stand, ob er nun ein Guter oder ein echter Kotzbrocken ist, doch am Ende mochte sich sie (fast) alle. Juli Zeh gelingt es, uns alle mit nach Unterleuten zu entführen, uns zu einem Teil dieser Dorfgemeinschaft zu machen und uns so einen Spiegel vorzuhalten.

Bei der Recherche für diese Rezension fand ich übrigens voller Begeisterung diese Seite, in der Unterleuten noch ein wenig wirklicher wird.

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