Steampunk

Unser Geist, die Maschine: “The Locksmith’s Secret” von Tahlia Newland

Prunella – Ella –  steht an einem Scheidepunkt in ihrem Leben. Ihr Partner Jamie verlässt die traute Zweisamkeit im australischen Outback, um in seine verregnete Heimat England zu reisen, wo er sein aristokratisches Erbe antreten soll. Prunella, klassische Tänzerin, dann Stripperin, flüchtet sich in ihren neuen Roman – der sich ihr förmlich aufzwingt. In “The Locksmith’s Secret” von Tahlia Newland geht es um Schicksalswege, um Buddhismus und die Frage: Wie können wir wissen, ob das, für das wir uns entscheiden, das Richtige ist?

Geschickt verwebt die australische Autorin Tahlia Newland mehrere Handlungsstränge miteinander: Da ist Prunella, ihre Romanfigur Nell, die in einem Paralleluniversum in einem düsteren, viktorianischen London einen Mörder jagt und sich gegen überkommene Geschlechterrollen auflehnt und Daniela, die italienische Nonne aus dem 17. Jahrhundert, die in Ellas Träumen auftritt und vor einer schwerwiegenden Entscheidung steht.

Anders als in klassischen Steampunk-Romanen reist Ella nicht mit einer Maschine in die Vergangenheit, sondern bereist den Äther dank buddhistischer Meditation. Auf ihren Reisen begegnet sie alternativen Versionen von sich selbst, Anteilen, die ihr in Gestalten wie dem Schlüsselmacher gegenübertreten, der ihr erst am Ende den Schlüssel – die Antwort auf ihre Fragen – in die Hand drückt.  Während Ella ihrem Freund nach England hinterherreist, nimmt die Mörderjagd in Nells Welt Fahrt auf und Daniela muss sich entscheiden, ob sie auf ihr Herz hört oder auf ihre Ängste. Sehr geschickt verbindet Tahlia Newland Elemente aus Mystery, Romance, Crime und Steampunk miteinander und zeichnet aus den drei Frauenschicksalen ein kraftvolles Bild über Lust, Bewusstsein und Widerstand. Kunstvoll lässt sie darin viele Themen wie sexuelle Gewalt, Feminismus, die Suche nach sich selbst und dem uralten Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung auftreten und verpackt das alles sprachlich sehr unterhaltsam und so spannend, das man das Buch nicht aus der Hand legen möchte.

Tahlia Newland gelingt es dabei, aus allen genannten Genres nicht nur das Unterhaltsame, sondern auch das Tiefschürfende herauszuholen: Wer bin ich und wer will ich sein? Was muss ich loslassen, um frei zu sein? Wo gehöre ich hin?

Am Ende steht die Erkenntnis, dass wir ein Zuhause nicht im Außen, sondern nur im Innen finden können:

“Home isn’t a place; it isn’t where the heart is either. Home is our true nature, and it’s with us everywhere.”

Alle Antworten auf die großen und kleinen Fragen in uns liegen in uns selbst. Wir sind der Schlüsselmeister zu den Welten unserer Zukunft, wir erschaffen sie durch unsere Entscheidungen. Vielleicht bringt die Zukunft uns auch eine deutsche Übersetzung von “The Locksmith’s Secret”?

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