Buchrezensionen

Tot und irgendwie doch nicht: Lincoln im Bardo von George Saunders

“Lincoln im Bardo” sorgte bereits im letzten Jahr für Furore, als es als Debüt den Man Booker Prize gewann. Nun ist die deutsche Übersetzung bei Luchterhand erschienen und die Feuilletons überschlagen sich vor Begeisterung. Zu Recht, wie ich finde!

Das Buch behandelt ein reales Ereignis: Abraham Lincolns Sohn stirbt mit nur 11 Jahren, gerade als der Amerikanische Bürgerkrieg in seine heiße Phase eintritt und der Präsident betrauert ihn heftig. George Saunders erzählt die Geschichte durch einen Chor von Stimmen: Ausschnitte aus Zeitzeugenberichten, die sich lustigerweise in den Details sogar widersprechen, und den Toten auf dem Friedhof, auf dem man Willie bestattet. Sie sind in einer Art Zwischenwelt gefangen, tot, aber noch nicht im Jenseits, sondern gekettet an diese Welt, durch Schuld, Erinnerungen oder bloße Faulheit. Sie geistern über den Friedhof und beobachten, wie Lincoln nachts kommt und immer wieder den Sarg seines Sohnes öffnet, um ihn zu betrauern. Dabei verwischt die Grenze zwischen Lebenden und Toten, was unter den unglücklichen Geistern für ordentlich Aufregung sorgt. Sie wissen wenig über ihren Zustand, hoffen auf Verbesserung und fürchten das, was danach folgt. George Saunders gibt jedem von ihnen eine unverwechselbare Stimme, dem trinkenden Ehepaar, das seine Kinder vernachlässigte, dem Ehemann, der nie zum Zug bei seiner jungen Frau kam, weil ihn ein tragischer Unfall aus dem Leben riss, den Soldaten, den Mörder, den Jäger, den Dieb. Der Chor der Gespenster ist so laut und wirr, dass es manchmal schwer fällt, den Überblick zu behalten, doch George Saunders beschwört so geschickt, so virtuos Bilder, Schicksale und Menschliches, dass sein Buch Unterhaltung und Erbauung zugleich ist. Mittendrin schreibt er Sätze, so philosophisch und wahr, dass man aufjauchzen möchte.

Ich habe das Buch in nur einer Nacht verschlungen. Ich konnte es einfach nicht beiseite legen, weil es so großartig ist, dass George Saunders zeigt, was Sprache, was Schreiben kann, weil er Neues ausprobiert und die immergleichen, langweiligen Pfade von vorhersehbarer Literatur verlässt. Manchmal ist er derb, manchmal albern, dann aber wieder so exakt und feinfühlig, dass man den Eindruck hat, eine literarische Achterbahn zu fahren. Als Leser ist man ahnungslos, was sich im nächsten Satz verbergen mag, und dennoch gibt es nicht nur einen roten Faden, sondern gleich mehrere, die zielstrebig zum Ende führen. Nach der Lektüre von “Lincoln im Bardo” bleibt ein wunderbares, tragigkomisches Gefühl der Lebendigkeit, gerade und obwohl Menschsein die manchmal absurde Gleichzeitigkeit von Profanität und Tiefgründigkeit bedeutet. Wir sind zu den tiefsten Gefühlen und niedersten Handlungen fähig; wir stecken in Körpern, die sterben und verwesen und haben Seelen, die einander festhalten können, und diese gesamte Spanne bannt George Saunders auf rund 450 Seiten. Mehr davon, viel mehr!

George Saunders: Lincoln im Bardo ISBN: 978-3-630-87552-1 Übersetzung: Frank Heibert Luchterhand Literaturverlag, 448 Seiten, 25,- Euro (gebunden)

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