Buchrezensionen

Jeder ein Kerkermeister und Gefangener: Margaret Atwoods “Hexensaat”

2017 darf man zu Recht als das Margaret Atwood Jahr bezeichnen. Nicht nur hat die Serienadaption von “Der Report der Magd” die Begeisterung für ihren Kultroman neu erweckt und mit “Alias Grace” gleich eine würdige Fortsetzung gefunden, die Grande Dame der kanadischen Literatur hat in diesem Jahr auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels gewonnen. Bereits Anfang des Jahres erschien “Hexensaat”, ihr aktueller Roman. Felix, berühmter Theaterregisseur wird während der fulminant geplanten Inszenierung von Shakespeares “Der Sturm” durch Königsmord seiner Position beim Theater enthoben und schwört Rache. Ganz nach dem Vorsatz “Rache serviert man am besten kalt” wartet er viele Jahre, bis sich im die Gelegenheit eröffnet, “der Sturm” in einer neuen Inszenierung mit Gefängnisinsassen aufzuhören und unter Hilfe psychoaktiver Substanzen in einer einzigen, teuflischen Show Rache an seinen Widersachern zu nehmen.  “Der Sturm” gilt unter Theaterleuten schon immer als besondere Herausforderung, so vielfältig ist seine Geschichte, so komplex seine Figuren. In dem über 300 Seiten starken Roman zeigt Margaret Atwood, dass sie nicht nur eine anspruchsvolle Literatin ist, sondern auch eine Meisterin der Unterhaltung, kurzweilig, kunstvoll, spannend und tiefsinnig. Atemlos kann man das Buch kaum zur Seite legen, so sehr will man erfahren, ob Felixs Racheplan gelingt.


“Der Sturm” gehört zu Shakespeares weniger bekannten Werken. “Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier”, ist eines der bekannteren Zitate aus dem Stück. Um Gefängnisse, die inneren und äußeren geht es, um Schuld und um Rache. Als feministische Ikone spielt Margaret Atwood auch mit den Anklängen an die gewaltsam unterdrückte Geschichte der Magie, der Frauen und der Indigenen, für die Caliban als Sohn der Hexe gleichermaßen steht und die die Feministin Silvia Frederici in ihrem bekannten Buch “Caliban und die Hexe” analysiert, das 2012 in deutscher Übersetzung erschienen ist. In ihrem Buch geht es um die ursprüngliche Akkumulation, die Kolonialisierung des Frauenkörpers und der Welt. “Der Sturm” mit seiner tiefen Symbolik und seinen Andeutungen wird zu einer Zauberformel, das Stück selbst ein Gefängnis, dem seine Figuren nicht entkommen können, Seelenatlas und Mahnmal zugleich. Eine ferne, leise Erinnerung weht durch das Stück, an uralte Kräfte und ewige Sehnsüchte, an den mächtigen Kreislauf von vergangener Schuld und zukünftiger Vergebung. Geister, Zauberer, Hexen, Teufel, sie alle treten auf, ein lauter, fulminanter Stimmenwirbel, der sich am Verstand vorbei in die tiefer gelegenen Bereiche des Unterbewusstseins schleicht und dort ein Echo hervorruft. Margaret Atwood hat die Zeitlosigkeit von Shakespeares “Der Sturm” spielerisch und mit großem Geschick eingefangen, eine transmediale Story, die über gesellschaftliche, zeitliche und die Grenzen bewusster Erinnerung hinwegträgt.

Margaret Atwood: Hexensaat. Knaus, 2017 € 19,99, 320 Seiten ISBN: 978-3-8135-0675-4

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