Buchrezensionen

Hillbilly Elegie – ein vorgezogenes Klagelied

J.D. Vances Buch “Hillbilly Elegie” liest sich wie eine düstere Prophezeiung auf jenen Morgen, an dem die Welt aufwachte und Donald Trump plötzlich Präsident war. Es dauerte eine Weile, bis sich alle im Klaren darüber wurden, dass sie offenbar die Mehrzahl der Wähler falsch eingeschätzt hatten. Woran das lag, führt J.D. Vance in seinem autobiografischen Roman “Hillbilly Elegie” aus. Geboren in eine typische “Hillbilly”- Familie schottisch-irischen Ursprungs, die ihre ganz eigenen Vorstellungen von Stolz, Zusammenhalt, Geschlechterrollen und Lebenszielen hat, gelingt es J.D. Vance trotz einer turbulenten Kindheit an einer Elite-Universität zu studieren und sein eigenen Milieu zu verlassen. Mit seinem Buch kehrt er zu den Menschen seiner Kindheit und seiner Jugend zurück und sieht genau hin, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Seine Geschichte zeigt, wie schwer es ist, die Fesseln der eigenen Herkunft zu überwinden und worin sich das Gefühl des “Abgehängtseins” im weißen, armen Amerika begründet. Er schreibt von lauten Streitigkeiten, von häuslicher Gewalt, von Drogen und von der Unfähigkeit, die vielen kleinen Dinge zu erkennen und zu beherrschen, die für Erfolg in dieser Gesellschaft notwendig sind, er schreibt zugleich aber auch von der übergroßen  Liebe seiner Großeltern und der ganz eigenen Art von Patriotismus, den er nie los geworden ist.

J.D. Vance romantisiert weder seine Kindheit noch seine Herkunft und dennoch schreibt er mit viel Liebe und Respekt über Menschen, über die Politiker und Analysten sonst höchstens despektierlich sprechen. Er zeigt, woran es mangelt, woran viele scheitern und welche Folgen die allgemeine Verachtung hat, er zeigt aber auch die Ressourcen auf.

Ich habe vor kurzem ein Interview mit J.D. Vance aus dem vergangenen Oktober gelesen und mir fiel auf, dass er als einer der Wenigen zu ahnen schien, dass eine Präsidentschaft Trumps möglich war, einfach, weil er die Menschen kannte, die Trump wählen würden. J.D. Vance hat Recht behalten und uns gleichzeitig ein großartiges Buch über Herkunft und die Mechanismen von Armut geschenkt, ganz ohne moralischen Zeigefinger, ganz ohne intellektuelle Verachtung. Nach dem Lesen meint man fast, man kann sich Mamaw auf ihrer Terasse vorstellen, rauchend, schlecht gelaunt, aber immer da.

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