Buchrezensionen

Es gibt kein Zurück – James Baldwin: Von dieser Welt

Als James Baldwin “Go tell it on the mountain” 1953 veröffentlichte, war er noch keine 30. Der biografische Roman erzählt die Geschichte eines suchenden, schwarzen Jungens aus Harlem, der versucht, die Welt um sich zu begreifen. Da ist der Zorn des Vaters, die Scham der Mutter, da ist sein eigenes, homosexuelles Begehren und der Hass zwischen Weißen und Schwarzen. 1966 erschien das Buch unter dem Titel “Gehe hin und verkünde es vom Berge” beim Rowohlt Verlag und ist jetzt in neuer Übersetzung mit dem Titel “Von dieser Welt” bei dtv erschienen.

James Baldwin, zu Lebzeiten eine Ikone als schwarzer, homosexueller (er selbst benutzte das Wort nicht, weil es die ganze Komplexität seines Begehrens nicht ausdrücken konnte) Autor, starb bereits 1987 und erlebt seit ein paar Jahren einen neuen Hype. Das liegt daran, dass die Themen, die er verhandelt, so aktuell sind wie selten zuvor: Die USA und ihr Freiheitsversprechen, die Trennung zwischen Arm und Reich, zwischen Schwarz und Weiß. Tatsächlich habe ich noch nie ein Buch gelesen, das so greifbar, fühlbar die Dimension des kollektiven Traumatas der Sklaverei skizziert, die Wut, die Verzweiflung, die über Generationen weitergegebenen Verletzungen, der Verlust der kulturellen Identität und das Ringen um eine neue. “Von dieser Welt” beschäftigt sich nicht mit nur einem Trauma, sondern mit vielen: Da ist der hassende Vater, der seinen Sohn John, die Hauptfigur, nicht lieben kann, was dieser nicht versteht, aber irgendwie spürt, dass es etwas mit der Vergangenheit seines Vaters zu tun hat.

Der Roman ist nicht nur autobiografisch, er ist auch eine Familiengeschichte mit verschiedenen Perspektiven. Wir erfahren etwas über Deborah, die erste Frau von Johns Vater, Johns Mutter, seine Tante und deren Großmutter. Sie alle haben Verluste erlitten und tragen Narben mit sich herum, die sie ebenfalls weitergeben an die nächste Generation, die das Trauma zwar spürt, aber seinen Ursprung nicht kennt. So ist die Geschichte eine berührende Verflechtung persönlicher Schicksale und gesellschaftlicher Konflikte, Baldwin wechselt in atemloser Geschwindigkeit vom großen Gesamtbild auf das Intime, Persönliche bis hin zur Beziehung zu Gott. Gott, das ist nichts Abstraktes in diesem Buch, Gott ist immer präsent, körperlich, fordernd, strafend, vergebend. Der größte Teil des Buches spielt während eines Gottesdienstes, der eine ganze Nacht lang dauernd, betend werfen sich die Anwesenden Gott zu Füßen und bitten um Vergebung, nicht allen gelingt es.

Besonders fasziniert hat mich, wie es Baldwin gelingt, zwischen den Geschlechtern zu wechseln. Nie zuvor habe ich einen männlichen Autor gelesen, dem es so erschütternd, so wahr gelingt, weibliches Erleben und weibliches Leid einzufangen. Die Frauen in seinem Roman sind stark, aber nicht fehlerfrei, er durchschaut sie als seine Figuren und lässt sie leiden, doch nie verliert er die Achtung vor ihnen. Er hat sie so lebendig gezeichnet, dass ich jede von ihnen vor mir sehen kann. Der Vater nimmt eine große Rolle ein, er ist das Zentrum, um das sich alles dreht, ohne diese Verantwortung annehmen zu wollen, er bleibt als Einziger am Ende unerlöst.

Baldwin selbst hat einmal geschrieben, Autoren seien Chronisten, die Einzigen, die die Wahrheit über ihre Gegenwart erzählen können. Seine Sätze und die so wunderbar gelungene deutsche Übersetzung, graben sich durch das Herz in die Seele, wo man sie mit sich herumtragen möchte, um sie in schlechten Zeiten hervorzuholen. Baldwin als Autor ist zeitlos und ich hoffe, dass wir ihn immer wieder und wieder neu entdecken.

“Sie wusste, durch welche Feuer die Seele kriechen musste, welche Tränen dabei vergossen wurden. Die Menschen sprachen davon, wie das Herz brach, aber nie davon, wie die Seele sprachlos im Dazwischen hing, im Nichts, im Schrecken zwischen den Lebenden und den Toten. […] Einmal dort, gab es kein Zurück, einmal dort, erinnerte sich die Seele, wenn das Herz manchmal vergaß. Denn die Welt rief das Herz, das stammelnd Antwort gab; Leben, Liebe und Gelage und besonders trügerisch, die Hoffnung riefen das vergessliche, das menschliche Herz. Allein die Seele, besessen von der Reise, die sie hinter sich und noch vor sich hatte, verfolgte ihr geheimnisvolles, ihr schauriges Ziel und schleppte, schwer von Tränen und Bitterkeit, das Herz mit.”

James Baldwin: Von dieser Welt. 978-3-423-28153-9, dtv, 22,00€

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