Schreiben lernen

Eintritt in neue Welten: Wie Lesemuffel dank Serien und Hörbüchern die Literatur entdecken

Heute war ich mit meiner jüngsten Tochter in der Stadtbibliothek und erinnerte mich dabei  ein wenig wehmütig an das Gefühl als Kind, mit meiner Mutter in die Bücherei zu gehen, mir dort einen Stapel Bücher auszuleihen und diese über das Wochenende beziehungsweise den folgenden Nachmittagen zu verschlingen. Da war dieses Kitzeln im Bauch, während ich an den Regalreihen entschlang schritt und die Titel der Bücher auf den Buchrücken durchlas und darauf wartete, dass sie den Impuls auslösten, sie auszuleihen. Es heißt immer, man kann seine Kinder zum Lesen erziehen. Ich habe drei Kinder und mir ist das auf ganz unterschiedliche Weise gelungen oder nicht gelungen, doch das Bemerkenswerte daran ist, dass alle drei die gleiche Leidenschaft für Geschichten teilen, wie ich, und das Angebot für Lesemuffel dank guter Serienadaptionen und Hörbüchern riesig groß geworden ist.

Meine jüngste Tochter ließ und lässt sich nicht vorlesen. Es interessiert sie einfach nicht. Sie hat keine Geduld, darauf zu warten, bis ich in der richtigen Geschwindigkeit weiterlese oder sie stellt mir tausend Fragen, bis ich entnervt aufgebe. Zugleich verfügt meine Tochter aber über eine überwältigende Fantasie. Sie kann aus den simpelsten Gegenständen wie einer Tesa-Filmrolle und ein paar Haarklammern eine ganze Spielwelt aufbauen, in der sie völlig versinkt. Sie liebt es aber, sich Serien anzuschauen und oft genug kommen ihr, wenn dann etwas Dramatisches geschieht, die Tränen und sie ist völlig aufgelöst. “Ich wünsche mir, die Figuren aus den Serien wären echt”, sagt sie dann oft zu mir. Das Gefühl kenne ich gut. Sehr gut. Sie kann noch nicht selbstständig lesen und ich frage mich, ob sich ihre Einstellung zu Büchern verändern wird, wenn sie es kann, doch ganz gleich, wie sehr ich mich bemüht habe, das mit dem Vorlesen einzuführen, ich weiß, dass meine Tochter das eigentlich nur für mich getan hat. Man kann das jetzt kritisch sehen und sagen, die ganze Verfügbarkeit von Fernsehen und im Falle meiner Tochter von Streamingdiensten für Kinder (oh ja, da gibt es einige und sie konkurrieren hart) bringt die Kinder vom Lesen und den Büchern weg, aber ich will in diese Unkenrufe gar nicht einstimmen. Es ist nämlich viel mehr so, dass anders als das Fernsehen die hochwertig produzierten Serien, die es inzwischen gibt, die Zuschauer auf eine ganz neue Weise abholen und in diese Welten bringen. Das wird das Lesen niemals überflüssig machen, denn erst durch die Bücher, durch das Schreiben und Lesen entstehen diese Welten überhaupt, doch dank der Serien finden nun auch Menschen zu ihnen, denen sie sonst auf ewig verschlossen geblieben wären.

Ein gutes Beispiel dafür ist “American Gods”, eine Serie, die gerade auf Amazon Prime läuft und eine Verfilmung von Neil Gaimans gleichnamigem Roman ist. Ein guter Freund von mir liest nicht. Kaum. Wenig. Fast nie. Er hat keine Zeit, er arbeitet körperlich hart, er kommt aus einer Familie, die nicht liest. Aber er liebt gute Geschichten, er ist eine wahre Plotmaschine. Ich konnte ihm von Neil Gaiman ebenso vorschwärmen wie von all den anderen Fantasy-Büchern, die ich liebe, und ihm die Bücher sogar kaufen – er las sie doch nicht. Nun aber läuft “American Gods” als Serie und er ist hingerissen. Wir diskutieren über die Figuren und ihre Rollen und Hintergründe und klar, die unglaublich gute Inszenierung spielt auch eine Rolle. Gäbe es die Serie nicht, wir könnten diese Art von Unterhaltung gar nicht führen.

Ein ähnlich gutes Beispiel ist “Anne with an E” – als bekannt gegeben wurde, dass sie die Bücher von Lucy Maud Montgomery (erneut) verfilmen, hatte ich Angst. Ich stellte mir vor, wie sie daraus ein furchtbar kitschiges Ding machen würden. Nun läuft die Serie auf Netflix und es gibt keine Folge, nicht eine, in der ich nicht ungefähr ab Minute 5 weinend vor dem Bildschirm sitze. Die Serie ist behutsam, schön, fröhlich und eigentlich übertrifft sie die Bücher sogar noch. Ich schaue sie mir mit meinen Kindern an. Mein Sohn würde diese Bücher niemals lesen. Er liest Comics. Oder Manuals. Wenn überhaupt. Aber wenn wir die Serie zusammen schauen, dann besprechen wir, was Anne so besonders macht und warum jetzt wer wie reagiert und wie das früher war und warum. Dadurch, dass wir es so schön in Szene gesetzt sehen, ist zum Beispiel die Beschreibung der Dorfschule für meine Kinder viel eindrücklicher als jedes Buch.

Meine große Tochter liest viel. Sie verschlingt Bücher bergeweise und verschwindet ganz und gar in diesen Welten. Sie braucht keine Serien und von “Tote Mädchen lügen nicht” war sie, da sie das Buch gelesen hat, sogar ein wenig enttäuscht, weil die Serie, anders als das Buch, ein wenig reißerisch daher kam. Auch das Gefühl ist mir vertraut. Wir alle kennen Verfilmungen, die die Romanvorlage sogar so richtig schön verhunzt haben und alle, die das Buch kannten, hassen den Film. Früher sagte man das auch so: “Hast du den Film gesehen?” und als Vielleser winkte man dann ab und sagte: “Ne, ich habe das Buch gelesen.” Heute aber stimmt das nicht mehr. Durch das Serienformat und die Möglichkeit, ganze Staffeln am Stück zu drehen, hat sich eine ganz neue Art des visuellen Erzählens herausgebildet, die den Buchvorlagen besser gerecht wird und die Menschen erreicht, die sonst diese Welten nie hätten betreten können.

Wir hören das nicht gerne. Aber Lesen ist durchaus etwas Elitäres. Beherrscht man es und begeistert sich dafür, ist es der Schlüssel nicht nur zu anderen Welten, sondern auch zum Erfolg. Kinder, die viel lesen, haben es in der Schule leicht. Sogar an der Uni. Ich erinnere mich an mein Proseminar in Klassischer Archäologie, in dem es um den Gilgamesch Epos ging. Irgendeine verzweifelte Erstsemesterin hielt ein Referat darüber und es war furchtbar, weil sie aufgeregt und schlecht vorbereitet war. Ich hatte mit 16 mal einen Roman darüber gelesen. Der mag historisch nicht ganz korrekt gewesen sein, um zu erklären, um was es im Gilgamesch Epos ging und meinem Dozenten ein bewunderndes Lächeln abzuringen, reichte es aber, und meine Vorliebe für Bücher aus allen Genres und Epochen hat mir schon in vielen anderen Zusammenhängen sehr dabei geholfen, einfach so zu tun, als hätte ich Ahnung von etwas. Hatte ich ja auch. Aber nicht durch umfangreiches Studium staubtrockener Fakten, sondern weil es Teile von Geschichten waren, die ich las. Wer nicht liest, hat diese Ressource nicht und wie das Beispiel meiner drei Kinder zeigt, hat es auch nicht ausschließlich etwas damit zu tun, ob das Elternhaus das vorgibt. Meine Kinder wachsen zwischen Büchern auf, sie sehen mich ständig lesen oder schreiben oder beides. Trotzdem nutzen sie diese Ressource eben auf ihre Art.

Gut gemachte Serien, die mit Liebe zur Story und zum Detail geschaffen werden, füllen diese Lücken. Sie erzählen etwas, ganz nebenbei, über Geschlechterrollen und die Vergangenheit, über menschliche Gefühle und Widersprüchlichkeiten, über andere Länder und Kulturen oder sie entführen ganz in andere Welten. Es ist richtig, dass sie uns die Möglichkeit nehmen, uns diese Bilder in unserem Kopf kraft eigener Fantasie auszudenken. Bei meinen Kindern weiß ich, dass sie das nachholen, in dem sie diese Welten nachspielen. Im Zimmer meiner Tochter steht gerade ihre Miniaturversion von Green Gables aus Lego Bausteinen. Lesen kostet Zeit und man muss den Kopf dafür frei haben, man muss sich konzentrieren und denken und eigentlich fehlt uns Erwachsenen dafür ständig die Zeit. Ich habe auch heute noch Stapel von Büchern hier herumliegen, aber anders als damals als Kind, habe ich kein ganzes Wochenende mehr, um sie zu lesen, was frustrierend ist.

An dieser Stelle wird deutlich, warum nicht nur die teuer und aufwändig produzierten Serien ein Gewinn sind – so sie denn auch wirklich gut gemacht sind – sondern vor allem Hörbücher. Ich kann mir mein Leben ohne Hörbücher nicht mehr vorstellen – und sogar mein Sohn, der Lesemuffel, hört sich Hörbücher mit einer Gesamtlänge von vielen Stunden an. Die Bücher dazu würde er niemals lesen. Allein ihr Umfang würde ihn abschrecken und ich würde mir auch viele Bücher, die ich als Hörbücher liebe, gar nicht als Bücher kaufen. Die “Monster Hunter International” Reihe ist so eine, die mein Sohn und ich binge hören.

Es ist großartig, dass wir diese Möglichkeiten haben, und dass Lesen nicht mehr der alleinige Zugang zu diesen Geschichten ist. Ich bin trotzdem fest davon überzeugt, dass Bücher als Grundlage für diese Möglichkeiten niemals ausdienen werden und das hat wiederum mit dem Prozess des Schreibens zu tun. Es ist etwas anderes, sich eine Geschichte einfach nur auszudenken als sie niederzuschreiben, an ihr zu feilen, die Stunden, die Konzentration in die Seiten zu packen und sie immer wieder zu überarbeiten. Diese Arbeit ist es, die sich irgendwo zwischen Handwerk und Kunstwerk bewegt, lässt diese neuen Welten überhaupt erst entstehen. Dennoch ist es toll, dass heute niemand mehr Vielleser sein muss, um diese Welten überhaupt zu betreten.

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