Buchrezensionen

Eine verdammt gute Ehefrau: “Die Freiheit der Emma Herwegh”

Oh, was habe ich mich auf diees Buch gefreut. Seit Februar liegt es da und wartet auf mich. Ich bin ihm immer wieder begegnet und wollte es so gerne lesen. An einem verregneten Herbstnachmittag mit Erkältung genau das Richtige. Kost für die Seele. Irgendetwas Erhebendes. Eine Frau, die die Schranken ihrer gesellschaftlichen Rolle überwindet. Leider wurde nichts daraus.

“Die Freiheit der Emma Herwegh” erschien bereits im Januar 2017 im Hanser Verlag. Geschrieben wurde es von dem stellvertretenden Chefredakteur des Spiegels, Dirk Kurbjuweit, und beim Lesen ist spürbar, wie viel Spaß er beim Schreiben hatte. Er lässt sie alle in seinem Buch auftreten, wenn nicht persönlich, dann doch in seinen Erzählungen, Frank Liszt, Richard Wagner, Honore Balzac, Bettina von Arnim, George Sand, Georg Büchner, sogar Frank Wedekind als Benjamin Franklin, der sich von der alten Emma Herwegh ihr Leben erzählen lässt und all die kleinen Anspielungen und Querverweise machen das Buch zu einem großen Vergnügen, auch der Krieg zwischen Heinrich Heine und Georg Herwegh, Emmas Mann, der eigentlichen Hauptperson dieses Buches.

Emma ist eine Tochter aus bürgerlichen Berliner Verhältnissen, klug und entschlossen und sie heiratet den damals schon berühmten Revolutionsdichter Georg Herwegh. Es ist die ganz große Liebe. Doch Georg kann nicht nur sie lieben. Er hat Affären. Zeugt Kinder. Demütigt Emma, macht sie zu seiner Postbotin, doch sie bleibt bei ihm, verteidigt ihn bis zum Schluss. Ihre fast sklavenhaft Ergebenheit gegenüber ihrem Mann, der weder als Dichter noch als Revoluzzer taugt, ist der rote Faden dieses Buches. Immer wieder wurde seit seiner Veröffentlichung darüber gesprochen, dass dieser Kontrast zu ihren sonstigen Ansichten sozusagen den Reiz dieses Buches ausmachte und dass damit ein wichtiges Thema verhandelt wird: die sexuelle Befreiung.

Tatsächlich ist es eine bislang nicht beantwortete Frage, was geschieht, wenn das Politische persönlich wird und die große Freiheitsutopien in die Schlafzimmer einziehen. Die 68er haben versucht, Antworten darauf zu finden und auch heute noch ist das in alternativen Zusammenhängen die Gretchenfrage. “Wie hältst du es mit der Treue als bürgerliches Konstrukt?”. Dieses Thema verleiht dem Buch in der Tat einen wichtigen Bezug zur Gegenwart, doch leider, leider gibt das Buch keine Antworten. Emma leidet. Georg ist ignorant und selbstsüchtig. Sie verteidigt ihn. Er kehrt zu ihr zurück. So wirklich neu, so wirklich revolutionär ist daran gar nichts. Ehemänner betrügen ihre Frauen, Frauen nehmen es hin, das gehört zur Institution Ehe wie der Ehering. Nur weil Georg und Emma über das Leben in einer Phalanx, einer Art Kommune des 19. Jahrhunderts nachdenken, macht es das nicht revolutionär, im Gegenteil. Es zeigt einmal mehr, dass es weder dem Kommunismus noch den alternativen, linken Bewegungen des 20. Jahrhunderts und unserer Gegenwart gelingt, den uralten Sexismus aufzulösen, echte sexuelle Befreiung zu bringen, eine Befreiung, die nicht nur Penisse befreit, sondern auch Frauenherzen und Frauenseelen. Der anerkennendste Satz in dem Buch ist die Aussage gegenüber Emma, sie sei eine “verdammt gute Ehefrau”.

Über Emmas Seele, über ihren Verstand erfahren wir sehr wenig. Wie kam sie als Bürgerstochter auf die Idee, für die Revolution zu brennen? Woher nahm sie ihre Furchtlosigkeit? Wie war ihr Kontakt mit anderen berühmten Frauen wie Bettina von Arnim und George Sand? Zu gerne hätte man gehört, was diese drei Frauen sich zu sagen hatten. Warum kam Emma nicht von Georg los? War es ihr Glaube an die Institution Ehe, die sie an Georg festhalten ließ oder doch die Liebe zu ihm? All diese Fragen bleiben offen. Der Titel “Die Freiheit der Emma Herwegh” hat mehr versprochen, vermutlich ist er ironisch gemeint, denn frei war Emma Herwegh, die schießen konnte wie ein Mann und sogar als Kundschafterin hinter feindlichen Reihen unterwegs war, nicht, weder im Innen, noch im Außen. Eine große Hoffnungslosigkeit geht von ihrer Geschichte aus, die bis in unsere Zeit strahlt. Emmas Geschichte wird in diesem Buch nur als Rahmen zu ihrer Beziehung mit Georg Herwegh und seinem Leben benutzt. Ich bin mir sicher, dass es über ihr Leben noch sehr viel anderes zu erzählen gegeben hätte. Dass das nicht geschah, sagt mehr über unsere Zeit aus als über Emma Herweghs.

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