Buchrezensionen

Ein Narr und wie er die Welt sieht: Tyll

Daniel Kehlmann hat sich mit Tyll den berühmtesten deutschen Narren genommen und ihn in das Deutschland des 30jährigen Kriegs verlagert. Herausgekommen ist eine Geschichte über Gewalt, Politik und das Überleben in einer Welt, die im Chaos versinkt.

Die Figur des Narren ist universaler Archetyp. Die Amerikaner Nordamerikas kennen ihn als Trickster, dem oft genug alles misslingt, der aber zu gleich Träger einer göttlichen Weisheit ist. Überhaupt steht der Narr für das Göttliche an sich, die Akzeptanz der Widersprüchlichkeit in ihr. Leben heißt Widersprüche leben, auszuhalten, in sich zu vereinen und sich dennoch als Einheit zu begreifen. Der Narr symbolisiert, dass es hinter der Welt, wie sie vermittelt wird, noch eine tiefere Wahrheit gibt, die sich der Ration verschließt.

Der historische Till Eulenspiegel lebte bereits im 14. Jahrhundert und wurde durch zahlreiche Überlieferungen in ganz Europa berühmt. Er war weniger ein Narr als eine Art Straßenphilosoph, der die Menschen durch seine Streiche und Wortspiele aufrüttelte. Der Seiltanz ist Ausdruck seiner Losgelöstheit aus gesellschaftlichen Zwängen, er muss weder vor Königen buckeln noch Höflichkeit wahren. Er schwebt über den Dingen, die Schwerkraft hält ihn nicht am Boden. Daniel Kehlmann hat im Buch das Erlernen des Seiltanzens meisterhaft mit Tylls Selbstwerdung verbunden, den Eselskopf streift sich Tyll dann auch tatsächlich über, bevor er in einer fiebernden Katharsis vom ängstlichen Jungen zum Tänzer über den Häupten wird.

“Tyll Ulenspiegel über uns drehte sich, langsam und nachlässig – nicht wie einer, der in Gefahr ist, sondern wie einer, der sich neugierig umsieht. Der rechte Fuß stand längst auf dem Seil, der linke quer, die Knie waren ein wenig gebeugt und die Fäuste in die Seiten gestemmt. Und wir alle, die wir hochsahen, begriffen mit einem Mal, was Leichtigkeit war. Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will und nichts glaubt und keinem gehorcht: wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden.”

Tylls Vater wird als Hexer hingerichtet, er selbst reist durch ein in Krieg, Aberglauben und Hunger versinkendes Land. Gestank und Tod sind überall, die kriegsführenden Parteien liefern sich Machtspiele a lá Game of Thrones und Tyll wird ob seiner Späße berühmt. Er durchschaut sie alle, die Jesuiten, die Fürsten, die Frauen, die Soldaten.

Tylls Humor, sein zynischer, beißender Spott sind seine Waffen, mit denen er sich die Welt, die er kaum ertragen kann, vom Leib hält. Die Eule in seinem Namen ist Symbol der Weisheit und des Teufels zugleich, der Spiegel ist der, den er den Menschen vorhält. Die Figur des Tylls ist Kehlmann wirkungsvoll gelungen, lebendig, zum Greifen nah, man glaubt fast, ihn selbst wispern zu hören, wenn angesichts all des sinnlosen Blutvergießens und Sterbens nur noch das Lachen bleibt.  Die Hinrichtung des Vaters, das verzweifelte Bitten nicht um sein Leben, sondern um Erkenntnis, um das Wissen um den Inhalt eines lateinischen Buch, das er sein Leben lang behütet hat und nie verstehen konnte, und das ihm in einem letzten, sinnlosen Akt der Grausamkeit verwehrt ist, war für mich einer der stärksten Teile des Buchs. Der Aspekt von Wissen als Herrschaftsinstrument, von Hunger als Mittel der intellektuellen Unterdrückung wird am Schicksal des alten Eulenspiegels überzeugend erzählt. Er erinnert ein wenig an den “Simplicissimus”, den anderen berühmten deutschen Schelmen, der an übergeordnete Mächte glaubt und als Tor aus allen Gefahren unbescholten herauskommt. Doch in Tylls Welt gibt es kein Happy End für einen Tor, er stirbt, und vergibt vorher noch seinen Henkern. Tyll als sein Sohn sucht keine Erkenntnis mehr, er hat ihrer viel zu viel genossen. Die Menschen sind grausam und dumm und das Beste, was man mit ihnen machen kann, ist, sich über sie lustig zu machen.

Daniel Kehlmann verwirklicht das Narrenbild auf vielen Ebenen, zum Beispiel, in dem er den unzuverlässigen Erzähler verwendet, um den Leser immer wieder in die Irre zu führen. Damit macht er uns zu direkten Zuschauern Tylls und das ist einzigartig gut. Was ich an dem über 400 Seiten starken Roman ein wenig anstrengend fand – und das schreibe ich als Historikerin – waren die vielfältigen politischen Verwicklungen des 30jährigen Kriegs. Wer kämpft jetzt gegen wen und warum? Aber vielleicht ist das auch Absicht. Die Welt als Narrenspiel.

Es ist wohl kein Zufall, dass Daniel Kehlmann Tyll als nachdenklichen und zynischen Narren gerade jetzt wieder zum Leben erweckt hat. Er scheint die einzige, angemessene Antwort auf eine Gegenwart zu sein, in der alles Kopf steht, in der die Nachrichten absurder sind als die Fake News und die Menschen noch immer ihre Fesseln nicht spüren wollen. Deshalb ist Tyll auch ein Roman über die Freiheit, das Überwinden aller Gesetze. Tyll will nicht sterben, also stirbt er nicht. Regeln haben nur Bedeutung, wenn wir sie anerkennen. Verhältnisse existieren nur, weil wir sie stützen. Er ist mir sehr an das Herz gewachsen, dieser Tyll, beim Lesen. Ich hoffe, ich kann ihn noch oft über meine Schulter flüstern hören, wenn sich gerade mal wieder jemand wichtig macht.  Anders als wir weigert sich Tyll, die Kammerdienerperspektive anzunehmen, deutlich wird das bei dem Bild, das die böhmische Königin aufhängt und auf dem gar nichts zu sehen ist. Er kann sagen, was ist, in dem er es verhöhnt. Das ist seine große Freiheit. Was seinen Hohn so liebenswert, so echt macht, ist dass er nicht die elitäre Verachtung heutiger Satire hat, sondern die durch Leid erworbene Verachtung für die, deren Verhältnissen er ausgeliefert ist.

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