Buchrezensionen

“Ein erzähltes Stück Leben”: Christine Lavant – Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus

Ein Gedichtband Rainer Maria Rilkes war es, der Christine Lavant zur Schriftstellerin, zur Dichterin machte. Als neuntes Kind einer armen Bergbauernfamilie, chronisch krank und schlecht gestellt, verliebt sie sich in das Schreiben und will doch eigentlich nicht so Recht als Dichterin erkannt werden, geht von Österreich in das Nachkriegsdeutschland, legt sich einen Künstlernamen zu und verbietet gar einer befreundeten Klagenfurter Buchhändlerin, ihr Buch zu vertreiben, aus Angst, man könne sie erkennen und sie habe am Ende einen Nachteil daraus. Dann aber kommt sie doch aus der Deckung, die kettenrauchende Frau mit dem weißen Kopftuch, die mit so großem sprachlichem Geschick Wortbilder zeichnet, in denen Erleben und Schreiben ineinander übergehen. “Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus” ist ein so unwahrscheinliches Buch, wie Christine Lavant eine unwahrscheinliche Schriftstellerin war und kommt vielleicht deshalb mit solcher Eindringlichkeit, mit solcher Wucht daher. Als 20jährige, 1935, weist sich Christine für sechs Wochen nach einem Selbstmordversuch selbst in Klagenfurt in eine Irrenanstalt ein, und beschreibt elf Jahre später, 1946, ihre Erlebnisse dort, im “Vorhof der Hölle”. Ihr Verleger will das Manuskript, aber nicht mit dem Ende, also bleibt es unveröffentlicht, gilt als verschollen, bis es im Nachlass der 2001 verstorbenen Schriftstellerin Nora Wydenbruck wieder auftauchte und nun beim Wallstein Verlag in einer neu editieren Form erschienen ist.


Ich hatte von Christine Lavant vor diesem Buch nur Gedichte gelesen, doch beim Lesen kam es mir so vor, als kannte ich sie längst. Im Schreiben von Stefanie Sprengnagel, jüngst Stadtschreiberin in Klagenfurt, jenem Ort, an dem Christine Lavant damals litt und zugleich ihren Sinn für Komik nie verlor (so gab sie ihren Mitpatientinnen allen Namen – es gab die “Königin” und die “Marjorin” und die “Gekreuzigte”) erkenne ich jenes Schreiben zwischen Wahrnehmung und Literatur wieder, das mal mittendrin abbricht, mal jede Interpunktion fahren lässt und gerade deshalb so authentisch ist. Lavants Aufzeichnungen fehlt das Leichte, Unterhaltsame; man findet in ihrem Schreiben mehr Schönes und Schmerzhaftes, und doch ist da diese Gemeinsamkeit in dem Beherrschen der Kunst, mit einigen Worten die Sichtweise auf etwas nahezu Alltägliches zu verändern oder es überhaupt erst in den Fokus zu rücken. Wie seltsam Menschen sind, wenn wir erst bereit sind, es zu sehen, wie einzigartig und unterschiedlich und jeder für sich eine eigene Welt, so dass ein Leben niemals ausreicht, von allen auch nur einen Streifen zu sehen und wie gleich sind wir uns doch im Hoffen, Lieben, Leiden.

Die “Station 2”, auf der sich Lavant damals auf Kosten ihrer Gemeinde befindet – wofür sie sich schämt – war wenige Jahre nach ihrem Aufenthalt Schauplatz der Euthanasieverbrechen der Nazis. Gestoßen bin ich auf dieses Buch, weil mich das Verrücktwerden in der Literatur beschäftigt, wie es Doris Lessing beschreibt (“Anweisung für einen Abstieg in die Hölle”) und es auch zuletzt in den Aufzeichnungen von Ingeborg Bachmann deutlich wurde. Wer könnte besser geeignet sein, wie ein Entdecker in jenen Grenzbereich zwischen Wahnsinn und Wahrheit zu gehen und von dort zu berichten, all jenen, die sich so schrecklich vor dem Irrsinn fürchten, als Schriftstellerinnen? Und wer denkt an die, die damals wie heute in diesen Institutionen verwahrt werden, wer hört ihren Geschichten zu, wer zeichnet sie auf und wie viele von ihnen fanden sogar den Tod? Wie gehen wir heute um mit den “Verrückten”? Christine Lavant findet Worte für die Poesie der Wahnhaften, Würde verleiht sie mit ihrem Schreiben ihren Mitpatientinnen, sogar denen, vor denen sie sich fürchtet oder die sich nicht leiden mag, und durchschaut die Absichten und Vorurteile der Ärzte und Schwestern mit unvergleichlicher Schärfe.

Heute muss die Gemeinde zwar nicht mehr für arme Irre zahlen, doch diskriminiert werden sie doch allerorten. Nicht die leichten Fälle, die mit schickem Burnout, nein, die, die Stimmen hören, die von Weinkrämpfen geschüttelt werden wie Christine Lavant damals, jene, die nicht mehr leben wollen oder können und die innerlich zerbrechen. Sind diese Orte, die zwar heute statt Zwangsjacken nur Tabletten kennen, wirklich anders als damals?  Gerade weil sie sich ihrem Wesen nach nur wenig verändert haben, besitzt Christine Lavants Buch eine solche Aktualität und ich wünsche mir, dass es hineinwirkt, in unsere Diskurse darüber, wer “psychisch krank” ist und wie man mit diesen “Kranken” umgeht, dass das Leben in diesen Stationen kein weißer Fleck mehr in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein ist, sondern wir hinsehen und mitfühlen. Treffen kann es jede von uns. Die wenigsten aber wären wohl in der Lage, daraus ein solches Stück Literatur zu schaffen, wie es Christine Lavant gelang.

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