Buchrezensionen

Die schmerzhafte Herrschaft der Väter: “Wir leben hier, seit wir geboren sind”

Es gibt sie, diese Bücher, diese Debüts, die mit aller Macht vor Augen führen, was Literatur vermag. Andreas Moster, der Autor von “Wir leben hier, seit wir geboren sind”, erschienen bei Bastei Lübbe, hat ein Buch geschrieben, das nur so flimmert vor Sprachgewalt und literarischer Kunst. Im Zentrum seiner Erzählung steht ein kleines Dorf, irgendwo, irgendwann, in dem die Männer und der Kalkabbau herrschen. Müde und staubig kehren sie Tag für Tag von der Arbeit zurück und tun den Kindern, Frauen und Tieren Unaussprechliches an. Dann aber kommt ein Fremder in das Dorf und mit ihm die Hoffnung, vor allem für die fünf Jungen Mädchen, aus deren Perspektive wir die Geschichte hauptsächlich erleben. Weg wollen sie, weg von den Vätern, dem Staub und der Hoffnungslosigkeit.

“Wenn das Brot icht auf dem Tisch steht, gibt es einen Riss in der Welt, durch den mein Vater hindurchtritt und mich am Nacken packt wie ein Tier.”

Es kommt alles ganz anders. Ein Unfall geschieht, dann ein Mord, begleitet von Vorzeichen, auch eine kleine Rebellion und ein Aufschrei, gegen Verhältnisse, die unerträglich sind und die in ihrer Wucht doch so vertraut wirken. Andreas Moster ist ein kleines Wunderwerk gelungen. Seine Wortbilder brennen sich direkt in die Seele, die Namen- und Zeitlosigkeit seines Romans und der häufige Perspektivwechsel – einmal nimmt er den Leser sogar als Hund mit durch das Dorf – bewirken eine dichte und flirrende Erzählung, die nur so vibriert vor Spannung. Man möchte dieses Buch immer wieder und wieder lesen, weil es so viel Frisches, so viel Ungesagtes enthält. Gleichzeitig ist es von einer starken Sinnlichkeit durchzogen, die in ihrer Direktheit manchmal fast schmerzt. Es geht um Verletzlichkeit, um Männlichkeit, um Weiblichkeit und um männliche Herrschaft, die nicht nur die Frauen verletzt und unter ihnen besonders die jungen Frauen, sondern auch all die Männer, die sich an ihr nicht beteiligen wollen.  Auch um Mauern geht es, an eine legt Georg, der Fremde, sein Ohr, und glaubt, das Dorf und seine Geschichte hören zu können, all die Geheimnisse, all die Grausamkeiten, aber auch um Kafka, auf den sich nicht nur in der Erzählweise zahlreiche Anspielungen finden. Andreas Mosters Erzählweise nimmt die Leser von der ersten Zeile an gefangen und lässt sie nicht mehr los. Ich habe das Buch an nur einem Tag gelesen. Mehr davon, viel mehr davon!

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