Buchrezensionen

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt von Peter Stamm

Vor wenigen Tagen ist “Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt” von Peter Stamm im S. Fischer Verlag erschienen und ich habe es an nur einem Nachmittag verschlungen. Peter Stamm schreibt eindringlich und klar, ohne Schnörkel und ohne Pathos. In seinem neuen Buch geht es um Identität und die Macht der Erinnerung.

Sind wir die Summe unserer Erinnerungen? Was aber, wenn unser Erinnerungen nur Geschichten sind, die wir uns über uns selbst erzählen und die mit der wirklichen Vergangenheit gar nichts zu tun haben?

In seinem Buch begegnet der leidlich erfolgreiche Schriftsteller Christoph einem jungen Mann, in dem er sich selbst wiedererkennt. Dieser junge Mann erlebt, was er einst erlebte, inklusive seiner großen Liebe, doch “es gibt Abweichungen.” Er jagt diesem Mann nach, gibt sich ihm zu erkennen, trifft sich mit der jüngeren Ausgabe seiner Geliebten und irgendwo zwischen all den Geschichten verschwimmen die Grenzen zwischen ihm und dem jungen Mann, zwischen gestern und heute.

Das eigene Leben noch einmal leben, andere Entscheidungen zu treffen, mit dem Wissen von heute – wer hat sich das noch nicht gewünscht? Aber ohne diese Entscheidungen und ihre Folgen – wären wir dann noch wir selbst?

Jede Entscheidung, die wir treffen, beinhaltet die Absage an eine bestimmte Zukunft, die ebenso möglich gewesen wäre. Älter werden heißt, über diese nicht gelebten Optionen nachzudenken. So ungewiss wie die Zukunft ist die Vergangenheit. Gedächtnisforscher haben herausgefunden, dass wir uns nicht einfach erinnern, unser Gehirn verändert eine Erinnerung jedes Mal, wenn wir sie abrufen, gleich einer Karteikarte, die wir immer wieder neu beschreiben, bevor wir sie ablegen. Unserer Erinnerungen sind keine exakten Aufzeichnungen des Erlebten, sondern memoiren dessen Bedeutung für uns, und die kann sich verändern.

Peter Stamm verknüpft seine Erzählung über Vergangenheit, Zukunft und Identität geschickt mit der Frage nach dem, was Schreiben ausmacht.  Dabei gelingen ihm treffsicher Sätze, die im Gedächtnis bleiben, etwa, dass es im wahren Leben kein Ende so wie in Büchern gibt. Es gibt Schreiben der Unterhaltung willen und ein Schreiben, das sich auf die Suche nach etwas Wahrem begibt. Peter Stamm ist mit seinem neuen Buch erneut Letzeres gelungen.  Wer hat die Macht über uns und unser Leben? Nur wir selbst. Wir sind Autor und Hauptfigur zugleich.

Wenn wir anderen von uns, von unserem Leben und unseren Entscheidungen erzählen, dann erschaffen wir immer neue Versionen der Vergangenheit, in denen wir uns leicht verlieren, so wie Peter Stamms Hauptfigur.  Die Welt aber schert sich weder um unsere verpassten Chancen noch um  unser Ringen um eine tiefe Erkenntnis. Zurück bleibt die schmerzhafte Erkenntnis: Wir selbst sind für uns verantwortlich. Wir erschaffen unsere Zukunft und unsere Vergangenheit, wir sind so frei, wie die Welt uns gegenüber gleichgültig ist.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. 160 Seiten, gebunden
S. FISCHER ISBN 978-3-10-397259-7 20,00 Euro

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