Buchrezensionen

Der Schwindel der Freiheit: “Das Café der Existenzialisten”

Als Jean Paul Sarte, Simone de Beauvoir mit Raymond Aron in Paris zusammensaßen und Aprikosencocktails schlürften, konnten sie nicht wissen, dass ihre Unterhaltung der Wegbereiter für eine neue Weltanschauung und ein Lebensgefühl sein würde. Der Existenzialismus prägte nicht nur das Verständnis von der Welt kurz vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, er brachte eine eigene Mode (schwarze Rollkragen) und Musikvorlieben (Jazz) hervor. Jean Paul Sarte und Simone de Beauvoir wurden zu seinen Stars, so berühmt und umschwärmt wie Popstars. Das Café der Existenzialisten nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise zurück in das pulsierende Paris der Vorkriegszeit und lässt uns mit den Dreien am Tisch sitzen und nicht nur die Geburtsstunde der Existenzialismus miterleben, sondern von diesem Punkt ausgehend auch viele andere Ereignisse, die die Geschichte der Philosophie im 20. Jahrhunderts prägten.

Sarah Blakewell ist mit “Das Café der Existenzialisten” etwas Einzigartiges gelungen: Nicht nur verknüpft sie mit großem Geschick die Lebensgeschichten verschiedener Philosophen von Husserl über Heidegger zu Jasper zu einem eben so detailreichen wie kunstfertigen “Multibiografie”-Bild, ihr gelingt es, mit viel Lebendigkeit und tiefen Kenntnissen die Grundzüge der jeweiligen Philosophie und ihrer Konfliktpunkte mit anderen zu vermitteln – unterhaltsam, tiefgründig und immer durch den Mensch hinter dem Denken illustriert.

Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg beeinflussen die damalige Philosophenwelt und ihre Themen. Warum war Sartre nach seiner Rückkehr aus dem Militärdienst wütend auf Beauvoir? Welche Abgründe brachte der Nationalsozialismus bei Martin Heidegger hervor und warum hatte er sich mit Sartre nicht viel zu sagen, als sie endlich aufeinander trafen? Mit bewundernswertem analytischem Gespür zeigt Sarah Blakewell auf, wie das Denken des einen trotzdem das Denken des anderen beeinflusste, beflügelte und die Suche nach den ganz großen Antworten vorantrieb. Ich habe schon viele Bücher über Philosophie gelesen, doch keines konnte die Ideen so eingängig vermitteln wie Sarah Blakewells. Nach der Lektüre hat man, wann immer ein Schlagwort wie “Das Sein” oder “Transzendenz” auftaucht, sofort ein Bild vor Augen, mal des pfeiferauchenden Sartre, mal der turbantragenden Beauvoir. Sarah Blakewells intensive Begeisterung für Philosophie ist so mitreißend, dass dieses Buch spannender ist als jeder Krimi, den ich in der letzten Zeit gelesen habe. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen und weiß, dass es zu den Büchern gehört, die ich noch viele Male lesen werde, weil es immer wieder so viel Neues zu entdecken gilt. Sarah Blakewells Mut, Philosophie einmal anders zu erzählen, zahlt sich auf jeder Seite aus. Was für ein wunderbares Buch – ein riesiges, literarisches Geschenk und eine philosophische Schatztruhe!

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