Autorenleben

Der Fremde in meinem Kopf oder warum Ghostwriter sein manchmal schwer ist

Wenn ich Menschen von meinem Beruf erzähle, dann sind die Reaktionen meistens so, dass sie es interessant und aufregend finden und sogleich wissen möchten: “Was hast du denn schon alles geschrieben?” – Tja, wenn ich das preisgeben würde, wäre ich die längste Zeit Ghostwriterin gewesen. Diskretion ist in diesem Job alles, auch wenn das manchmal bedeutet, dass ich mir ordentlich auf die Zunge beißen muss. Ich biete eine Dienstleistung an, dafür werde ich bezahlt – einen Anspruch auf mein “Werk” habe ich nicht mehr. Damit muss man leben können – und ich weiß: genau das fällt vielen Ghostwritern schwer. Trotzdem sagen viele: “Du kannst den ganzen Tag schreiben – du hast es gut.” – Einerseits stimmt das. Ich liebe meinen Beruf und ich mache ihn sehr gerne. Aber ich übe ihn auch schon so lange aus, dass ich seine Schwierigkeiten kenne, und die sind vielfältig.

Fremde Ideen, fremde Gedanken

Dieser Aspekt hat sich über die Jahre tatsächlich als schwierigster herausgestellt. Anders als in anderen Berufen kann ich mich nicht an den Schreibtisch setzen, etwas abarbeiten, aber in meinem Kopf einen Teil der Aufmerksamkeit woanders hinlenken. Wenn ich arbeite, muss ich mich nicht nur voll konzentrieren, ich muss auch fühlen, und zwar entlang fremder Gedanken und Ideen. Ghostwriting bedeutet, die Gedanken eines anderen Menschen in den eigenen Kopf zu lassen und sie zu den eigenen zu machen. Wie denkt der andere? Was fühlt er? Wie würde er oder sie das ausdrücken? Ich werde ja beauftragt, weil das mit dem Ausdrücken nicht klappt, also muss ich mir sogar überlegen, wie ich das, was der andere sagen möchte, so verpacke, wie er oder sie es würde, wenn er es könnte. Knoten im Kopf? Ja, genau, so geht es mir auch oft. Tatsächlich weiß ich aber, dass mir das eine gute Übung ist, im Alltag zu verstehen, warum Menschen sich auf eine bestimmte Art verhalten. Ich muss das nicht immer gutheißen, aber ich kann es nachvollziehen.

Eigenartige Intimität

Viele Menschen denken, Intimität sei nur etwas, das zwei (oder mehr) Körper miteinander teilen. In Wirklichkeit aber gibt es viele andere Arten von Intimität, emotionale und auch gedankliche. Gerade letztere erfahre ich sehr oft im Zusammenhang mit meinen Kunden und dabei spielt es gar keine Rolle, ob ich ihre Biografie schreibe oder einen Roman in ihrem Auftrag. Vielleicht liegt es zum einen an dem Rahmen: da Kunde, hier Dienstleister. Zum anderen stehen Geschichten und Bücher eben im direkten Zusammenhang mit dem, was wir sind und wie wir die Welt sehen. Ich behaupte: Sprich mit einem Menschen über die Bücher, die er schreiben möchte und du lernst ihn kennen. Beim Ghostwriting kommt man dem anderen sehr nahe. Gerade Biografien wirbeln dann auch noch eine Menge auf, mit dem die meisten Kunden gar nicht gerechnet haben. Hier ist es dann meine Verantwortung, zum einen die Beziehung so zu gestalten, dass sie auf Vertrauen basiert, aber eben auch professionell bleibt, zum anderen dafür zu sorgen, dass der Kunde diesen Prozess gut durchläuft. Klingt irgendwie so nach Coach und Psychologie? Richtig, ist es auch. Und es ist immer wieder eine Herausforderung, die mal besser und mal schlechter gelingt. Mit vielen meiner Kunden verbindet mich ein fast freundschaftliches Verhältnis, das trotzdem auf einer Distanz bleibt, gerade wenn die Zusammenarbeit beendet ist. Andere kommen mit dieser eigenartigen Intimität, wie ich sie nenne, weniger gut klar. Das führt dann zu wilden Whatsapp-Nachrichten mitten in der Nacht, unangekündigten Besuchen und vor allem einer riesigen Erwartungshaltung. Vielleicht liegt es daran, dass ich mit ihnen gemeinsam den roten Faden in ihrem Leben finde, sie mit mir über Dinge sprechen, die meistens noch nicht einmal ihre Partner wissen und vor allem dabei wertfrei bleibe.

Keine Urteile fällen

Kapitalismus ist ein Arschloch und irgendwie müssen wir uns ja alle verkaufen. Das gilt auch für uns Ghostwriter. So sehr ich meinen Job liebe, ich muss natürlich davon auch leben können. Das heißt auch, dass ich Aufträge übernehme, deren Ansichten ich privat nicht unbedingt teile. Mein Zugang ist dann immer der oben beschriebene: ich versuche nachzuvollziehen, warum ein Mensch so etwas denkt und so über die Welt urteilt. Prinzipiell steht es mir aber nicht zu, darüber zu urteilen und den Kunden zu bewerten. Menschen sind komplex und widersprüchlich und damit muss man umgehen als Ghostwriter. Wertfreiheit ist ein wichtiges Prinzip – mit Grenzen. Manchmal wissen Menschen nicht, dass das, was sie da gerade sagen, rassistisch oder sexistisch ist – dann mache ich sie darauf aufmerksam und die meisten nehmen das gut auf. Meine Grenzen beginnen ganz klar da, wo es schon in der Grundhaltung um Rassismus und Sexismus geht. Erotische Literatur ist völlig ok und sehr spannend – gewalttriefende Pornografie oder Gewaltverherrlichung nicht. Wo aber fängt letztere an? Wer sich den aktuellen Krimimarkt so anschaut, der sieht, dass bluttriefend gerade in ist. Die Grenze muss wohl jeder für sich ziehen.

Kreativsein auf Knopfdruck

Ghostwriting ist zu einem Teil Handwerk, weil Schreiben Handwerk ist, das auf bestimmten Techniken und auch Erfahrung beruht. Ein Funke Kreativität gehört aber immer dazu, sei es in der Vorbereitung mit dem Kunden oder später beim Schreiben. Aber gute Einfälle kommen manchmal nicht einfach auf Knopfdruck und wenn sie ausbleiben, kann das gesamte Arbeit zum Erliegen bringen. Inzwischen habe ich ein paar Tricks, um damit umzugehen. Der Wichtigste: Kein Zeitdruck. Dann lieber so lange etwas anderes machen. Zeitmanagement ist einer der kritischsten Aspekte beim Ghostwriting. Irgendwo muss es einen Kompromiss geben zwischen den Erwartungen der Kunden, der Qualität und der eigenen Arbeitsleistung. Auch da gibt es keine feste Antwort, sondern das ist bei jedem Projekt anders. Da kann das Privatleben dann durchaus auch mal leiden.

Das Lesen verändert sich

Vielleicht ist es gar nicht so sehr das Lesen an sich, sondern eher was man aus welchen Gründen liest. Oft sind es frühere Veröffentlichungen der Kunden, um sich ihren Schreibstil anzueignen oder aber Bücher, die genremäßig sehr dicht an ihrer Idee dran sind. Auf diese Weise lese ich oft Bücher, die mich privat gar nicht interessieren – mit manchmal überraschenden Ergebnissen – aber manchmal bleiben sie mir auch einfach fremd.

Mein Beruf lehrt mich immer wieder, einen neuen Blick auf die Welt zu haben – und auf die Menschen in ihr. Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt und jeder von ihnen hat seinen Grund, warum er der Welt so gegenüber tritt, wie er es tut. Ich erlebe das als ein großes Privileg. Meine Ansichten können sie nie festfahren, sie werden immer wieder herausgefordert und ich lerne jeden Tag dazu. Deshalb ist Ghostwriterin sein für mich der schönste Beruf der Welt. Auch wenn er manchmal anstrengend ist.

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