Buchrezensionen

Auf der Suche nach meinen Schwestern: “Die Sumpfschwimmerin” von Ulrike Gramann

Ostberlin, Ende der 1980er Jahre, eine eingeschlossene Stadt voller junger Menschen, die durch die Teilnahme an der Friedensbewegung Punkte sammeln für ihre Ausreise und mittendrin Inge, Anfang 30, die das Gefühl hat, ganz langsam zu ersticken, in dieser Stadt mit ihren Geheimnissen, mit ihren abgehörten Telefonen und Mauern, mit Menschen, die einander verraten. “Die Sumpfschwimmerin”, erschienen bei Marta Press, ist bereits der zweite Roman der deutschen Autorin Ulrike Gramann, die auch bereits einige Prosabände veröffentlicht hat und bezeichnenderweise begann ich ihn zu lesen, als ich letzte Woche an einem Spätsommertag direkt am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin saß und Tee trank, jenem Bahnhof, an dem auch Inge in dem Buch immer wieder vorbeikommt, ein geteilter Bahnhof damals, ein Berlin, das jenseits der Mauer für die im Osten nur eine große, leere Karte war, während die aus dem Westen in ihren Bahnen durch die Geisterbahnhöfe im Osten fuhren.

Der Sumpf, in dem Inge schwimmt, ist durchaus metaphorisch zu sehen, als Teil ihrer Herkunft, dem kleinen Ort H., dem sie kurz nach dem Abitur entkam, um den herum eine Sumpflandschaft liegt, die die Mutter absichtlich nicht kennen will, aber auch die Gesellschaft, in der Inge aufwächst und in der jeder jeden kennt, und ihr eigener Hunger nach Erfahrungen. Sie schläft mit Frauen und Männern, sie verliebt sich und entliebt sich und versucht anzuknüpfen an die Geschichten anderer Frauen. Diese aber, so lernen sie und ihre Mitstreiterinnen schnell, dürfen in der DDR nur im Zusammenhang mit dem Klassenkampf auftreten, Nebenwiderspruch statt Frauenbefreiung. Zu den Büchern der linken Frauenläden im Westen, zu den großen Theorien des Feminismus, haben sie keinen Zugang, und so müssen sie sich alles selbst herleiten. Sie beschließen, am KZ Ravensbrück einen Kranz für die dort ermordeten lesbischen Frauen hinzulegen, nur um ausgerechnet von einer ideologisch strammen Überlebenden zu erfahren, dass es dort nur Frauen aus dem Widerstand gab, die lesbischen Frauen, sie werden totgeschwiegen.

Das Wort von unseren lesbischen Schwestern stieg mir die Kehle hoch. Es gab das Wort von unseren antifaschistischen Widerstandskämpfern, von unseren Volkskammerabgeordneten, es gab das von oben her ausschließlich gegen uns gewendete Wort von unseren Bürgern. So zu sprechen war ein Akt der Anbiederung. Und warum wir den machten? Und konnte das Anbiederung sein? Aber wir waren schließlich auch, oder? Nein, wir waren nicht verfolgt genug, um von “unseren Schwestern” zu sprechen. Was war denn ein Gespräch mit der Stasi? Was war denn das Kadergespräch, das eine von uns im Betrieb gehabt hatte und das mit der Empfehlung geendet war, sich künftig mehr zurückzuhalten. Das war eine Reaktion. Reaktion war nicht Repression. Es war nichts Schlimmes geschehen. Höchstens konnte man Schlimmes phantasieren. Wir waren ein bisschen widerständig gewesen, geringfügig unbotmäßig, wir hatten ein unschuldiges Ansinnen. So sah ich es jedenfalls.
Einerseits hatte ich recht. Das sagten die anderen. Andererseits, wer sollten den Frauen sein, wenn nicht unsere Schwestern?
“Frauen”, sagte ich.
“Alle Frauen sind Schwestern.”

Der SED-Staat bricht zusammen, Stück für Stück, immer mehr reisen aus, werden “aus der Staatsbürgerschaft” entlassen und schließlich findet auch Inge ihren Weg raus, in die Freiheit, in die besetzten Häuser und Frauenläden Westberlins, kann einen neuen Anfang machen.

Ulrike Gramann schreibt in leisen Worten, ihr gelingt es, die ganze Tristesse Ostberlins abzubilden und ihr dann eine intensive Farbe zu verleihen, geschaffen durch die Beziehungen der Frauen, der Menschen untereinander, ihren Hoffnungen und Ängsten, vor allem aber zeigt sie, dass der Ruf in den Frauen nach Befreiung über alle Staats- und Ideologiegrenzen hinweg wirkt, dass er wie ein metaphysischer Impuls Frauen überall auf der Welt erreicht und sie Ähnliches empfinden lässt, sie zu “Unumkehrbaren” macht, wie es im Buch heißt, auf der Suche nach Selbsterkenntnis, auf der Suche nach sich selbst, und selbst eingeschlossen im endenden Ostberlin kann dieser Impuls einen Lebensweg bestimmen. Sie zeigt, wie die Menschen in Ostberlin vor allem durch das kommunizierten, was sie nicht sagten, wie Angst und Verrat allgegenwärtig waren, wie aber gerade der Feminismus die Frauen als verbindendes Element zusammenbringt und ihnen Stärke gibt. Die Ideologiegräben laufen mitten durch die Familien, durch Liebende hindurch, niemand weiß, wer den anderen bespitzelt. Und doch ist sie da, die Hoffnung und das Wissen, dass es jenseits der Mauer viele Frauen gibt, die Inges Schwestern sind, dass die Schwesternschaft – “Sisterhood” – über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg wirkt. Ein großartiger, leiser, feministischer Roman.

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