Buchrezensionen

“Als ob sie träumend gingen” von Anna Baar

“Als ob sie träumend gingen” ist der zweite Roman der aus Zagreb stammenden Autorin Anna Baar und erschien 2017 im Wallstein Verlag. Der Klappentext des nur knapp über 200 Seiten starken Buches hat mich sofort in seinen Bann geschlagen. Geheimnisvoll und wehmütig klingen die Sätze, die von einem Leben mit vielen offen Frage und Bruchstücken erzählen. Hauptfigur des Buches ist Klee und Klee liegt im Sterben. Er erinnert sich an den Tag, der sein Leben für immer veränderte. Er stammt aus einem kleinen Dorf, dessen Lage nicht genannt wird, vielleicht in der Levante. Die Menschen im Dorf beäugen einander misstrauisch, er ist als Kind widerspenstig und aufmüpfig und tut sich mit der Hexe, Hure und Hebamme des Dorfes zusammen, während er von Amerika träumt. Das Leben ist hart, die Menschen hungern, doch da ist Lily, ein besonderes Kind und Klees große Liebe.

Die beiden finden nicht zueinander und dann kommen die Männer mit den Totenköpfen in das Dorf und verbreiten Terror und Gewalt. Einer von ihnen erschießt Lily, kurz nachdem sie und Klee endlich ihre Liebe zueinander bekennen. Der Mord an Lily reißt ein Loch in Klees Leben, das er nie mehr zu schließen vermag.

Anna Baars Schreibstil ist poetisch, assoziativ und kunstvoll. In intensiven Bildern schreibt sie von Liebe, Gewalt, Freiheit, Mordlust und Besatzung. Manche Sätze erinnern an Traumsequenzen, andere könnten Zeilen aus einem Gedicht sein.

Die Ruhe reibt einen auf, die Seele liegt sich wund auf ihr. Es kommt die falsche Müdigkeit, die einen nicht in den Schlaf entlässt und kein Erwachen je. Die Träume legen ab. Gefährlich ist die Fracht.

Der Leser folgt Klee durch das Labyrinth seiner Erinnerungen, ohne konkrete Anhaltspunkte zum zeitlichen und örtlichen Rahmen. Anna Baars Sätze entfalten eine Sogwirkung, die einen mitten hinein in Klees Schmerz zieht. Es ist kein einfaches Buch, jeder Satz will langsam erkundet und in all seinen Bedeutungsebenen nicht nur erfasst, sondern auch gefühlt werden, viele liest man immer wieder. Lässt man sich darauf ein, wird das Buch zu einer machtvollen Metapher über Schicksal, Erinnerung und Identität. Werden wir, wer wir sind, durch die Ereignisse oder geschehen Ereignisse, weil wir sind, wer wir sind?

Erinnerungen sind unzuverlässig, so wie der Ich-Erzähler in dem Buch. Manche Erinnerungen leuchten hell und brennen sich unauslöschlich ein, wieder andere verschwimmen, werden undeutlich und verblassen. Orte, Personen, Zeiten vermischen sich, was bleibt, ist das Gefühl. Anna Baar gelingt es, statt Ereignissen diese Gefühle zu übertragen, abrufbar zu machen.

Lilys Tod ist das Ereignis, um das Klees ganzes Leben rotiert. Alles, was darauf folgte, ist bedeutunglos, als sei mit ihr der Sinn seines Leben gestorben. Er kämpft gegen die Besatzer, Lilys Mörder, wird zum Helden und bleibt doch im Inneren leer und stumpf. Wer Klee wirklich war, erfahren wir nicht, allerdings endet das Buch, ganz seiner assoziativen Sprache treu bleibend, mit einem Gedicht des Künstlers Paul Klee.

Anna Baar: Als ob sie träumend gingen. € 20,00 (D) | € 20,60 (A)
208 S.,  ISBN: 978-3-8353-3124-2 (2017)

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