Welche ist die richtige Erzählerspektive für meine Geschichte?

Eine Geschichte kann aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Welche das ist, sollte man sich am besten schon vor dem Schreiben überlegen und nicht unbedingt nur nach Gefühl handeln. Schauen wir uns an, welche möglichen Erzählperspektiven es gibt:

Die auktoriale Perspektive

Viele Jahre lang war das die beliebteste oder zumindest eine der beliebtesten Erzählperspektiven überhaupt. Der auktoriale Erzähler, etwa wie Melville in “Moby Dick” weiß alles und kommentiert das Geschehen mit klugen, humorvollen und manchmal abschweifenden Kommentaren und Verweisen. Das kann ein großer Genuss sein, und gerade die Klassiker aus dem 19. Jahrhundert leben von dieser Erzählweise, heute aber erscheint uns das oft als ermüdend oder sogar langweilig. Warum? Weil der auktoriale Erzähler alles weiß und seine Erläuterungen ganz schnell in das Selbstherrliche abdriften können. Das auktoriale Erzählen muss man können – und heute wirkt es oft nicht mehr zeitgemäß.

Die personale Perspektive

Auf diese Weise werden heute vermutlich die meisten Romane erzählt. Die Erzählperspektive folgt einem oder mehreren Hauptfiguren und schreibt über diese in der dritten Form. Meiner Erfahrung nach ist es die einfachste Erzählperspektive, denn sie schafft auf der einen Seite die Möglichkeit zur Identifikation mit einem Charakter, auf der anderen Seite lässt sie aber auch Raum für Distanz und das Erleben der anderen Figuren. Der Leser kann sich sein Urteil selbst bilden.

Die Ich-Perspektive

Auch diese Perspektive ist sehr beliebt, aber nicht ganz so einfach einzusetzen, wie die personale Perspektive. Die Ich-Perspektive ist gewollte Subjektivität: Wir als Leser erleben die Geschichte durch die Augen und die Wahrnehmung eines einzigen Charakters. Das lässt eine große emotionale Nähe zu diesem zu (die auch Abneigung bedeuten kann), die bis in das Intime gehen kann. Vom Ich-Erzähler erfahren wir Dinge, die wir über andere Menschen sonst nie erfahren, er teilt mit uns seine intimsten Gedanken und Gefühle. Die Ich-Perspektive ist aber ein schmaler Grat: Ein wenig Abneigung kann spannend sein, zu viel wird den Leser vergraulen, das gilt auch, wenn der Ich-Erzähler sich ständig selbstbemitleidet oder brüstet. Auch hier funktioniert das “einfach drauf losschreiben” nicht, denn ein Ich-Erzähler muss über eine eigene Art der Sprache und des Ausdrucks verfügen, die authentisch wirken und er muss in seinem Charakterbild verständlich bleiben. Genau daran scheitern viele unerfahrene Autoren oft.

Die Du-Perspektive

Diese Perspektive wird nur selten verwendet, mir ist sie überhaupt nur in Kurzgeschichten begegnet. Der Erzähler erzählt dem Leser DESSEN Geschichte – das kann natürlich ordentlich nach hinten losgehen. Trotzdem kann sie als ein Wechsel der Perspektiven manchmal sinnvoll sein.

Perspektivenwechsel kann sehr eindringlich und effektvoll sein, aber es ist ein machtvolles Werkzeug, an das man sich besser erst traut, wenn man ein wenig Erfahrung hat. Am häufigsten ist es so, dass sich die personale Perspektive und die Ich-Perspektive abwechseln. Das nennt man dann die “multiple Perspektive”.

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