Die Sache mit dem roten Faden

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in meinem 1. Semester an der Universität meine erste Hausarbeit verfassen musste und, denn so hatte ich es ja in der Schule gelernt, einfach alles an Fakten und Informationen aufzählte, was ich zu dem Thema finden konnte. Das war alles richtig – doch leider am Thema vorbei. Denn jede Hausarbeit, jede wissenschaftliche Arbeit braucht eine Hypothese, die sie erst aufstellt, dann überprüft und entweder verwirft oder bestätigt. Ähnlich ist das auch bei Geschichten bzw. Büchern. Ohne roten Faden kann ein Buch vielleicht gut erzählt sein, es wird den Leser aber verwirren, langweilen oder enttäuschen. Es ist erstaunlich, dass es selbst erfahreneren Autoren oft schwer fällt, die Prämisse zu finden und abzubilden, vielleicht, weil der Begriff ein wenig abstrakt bleibt.

Grund genug, sich einmal anzuschauen, was eine Prämisse eigentlich ist und wie man sie findet.

Eine Prämisse ist so viel wie ein Fundament, ein Ausgangspunkt, eine Vorannahme, die im Laufe des Buches (übrigens auch bei Sachbüchern), belegt wird. Alle großen Bücher der Weltgeschichte haben eine eindeutig identifzierbare Prämisse. In „Schuld und Sühne“ beispielsweise geht es um die Frage, ob es Menschen gibt, die über Moral und Gesetz stehen. In Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ lautet die Prämisse „unerwiderte Liebe in der Jugend ist so schmerzhaft, dass sie lebensgefährlich ist“. In Shakespeares „Macbeth“ gibt es gleich mehrere Prämissen (auch das ist übrigens nicht selten), eine von ihnen ist die Frage, ob man seinem vorherbestimmten Schicksal entkommen kann oder ob man es nicht gerade durch den Versuch zu entkommen erfüllt. Wie bereits angedeutet, gibt es in vielen Büchern mehrere Prämissen, die miteinander in Verbindung stehen, manchmal klar erkennbar, manchmal unter einer anderen verborgen. Jack London nannte das „Das Motiv unter dem Motiv“, eine eigene und besonders spannende und dichte Form des Erzählens.

Eine Prämisse ist mehr als nur eine reine Vorannahme, sie schließt auch ein, was in Folge der Prämisse geschieht. Bei Goethes „Werther“ ist erst eine unglückliche Liebe und schließlich der Selbstmord die Folge, bei Schuld und Sühne die vielfältigen Strafen, die der Protagonist auf sich legt und bei Macbeth der Umstand, dass sich sein vorhergesagtes Schicksal genauso erfüllt, wie es ihm die Hexen am Anfang prophezeiten. Zwischen diesen beiden Punkten, also der Vorannahme und dem, was aus ihr folgt, entspinnt sich eine Geschichte. Sie ist der Rahmen, innerhalb dessen der Spannungsbogen gespannt wird.

Jedes Sachbuch braucht auch eine Prämisse, eine zugrunde liegende Fragestellung. Bei einem Buch über Apfelessig wird der Autor vorrangig die vielen Vorteile von Apfelessig beschreiben, er wird aber wohl kein Kapitel über das Fortpflanzungsverhalten von Wühlmäusen einbauen – denn das hat mit dem Thema nichts zu tun.

Ein wichtiges und mächtiges Werkzeug

Gleichzeitig ist die Prämisse auch ein mächtiges Werkzeug. Denn sie zeigt klar auf, welche Figuren, Szenen, Beschreibungen und Dialoge die Prämisse unterstützen und beweisen und welche nicht.  Alles, was nicht im Zusammenhang mit der Prämisse steht, gehört nicht in das Buch. Das klingt hart, ist aber die Wahrheit. Ich als Ghostwriter versuche bereits an einem sehr frühen Punkt gemeinsam mit meinen Kunden die Prämisse herauszuarbeiten (oft ist sie meinen Kunden selbst nicht bewusst) und diese immer wieder als Leitfaden zu benutzen. Das ist manchmal nicht ganz leicht, etwa wenn Kunden sich ein bestimmtes Kapitel oder eine Szene wünschen, dieses aber der vorher vereinbarten Prämisse widerspricht. Dann muss man schauen: Gibt es mehr als eine Prämisse? Muss die Prämisse verändert werden? Oder muss der Kunde sich nochmal mit der Prämisse beschäftigen?

Auf der Suche nach dem roten Faden

Ein Buch ohne eine Prämisse ist eine bloße Aneinanderreihung von Beschreibungen und führt ohne Spannung in das Nichts. Ein solches Buch, eine solche Geschichte ist zum Scheitern verurteilt, ganz gleich, ob es ein Kinderbuch, ein Sachbuch, ein Roman, sogar eine Biografie (hier ganz besonders!) oder ein Drehbuch ist.

Auch als Ghostwriter für eine Biografie geht es darum, den roten Faden zu finden. Das ist für die Person, um deren Lebensgeschichte es geht, beinahe unmöglich. Könnten Sie den roten Faden Ihres Lebens bestimmen? Eher nicht, denn es wird mehr als einen geben (das unterscheidet echte Menschen von Romanfiguren), doch um den Leser zu erreichen, muss einer von ihnen, der dominanteste oder spannendste, herausgearbeitet werden.

Eine Prämisse beinhaltet immer einen Konflikt, der das zu Grunde liegende Motiv einer Geschichte ist. So ein Konflikt kann etwa sein „behütetes Mädchen aus wohlhabendem Haus verliebt sich in jungen und mittellosen Künstler“. Die Prämisse wäre hier: „Wahre Liebe schert sich nicht um Materielles“. Nun hängt es davon ab, ob die Geschichte ein Happy End beinhalten soll, oder am Ende zeigt: Besitz und Herkunft sind stärker als die Liebe.

Innerhalb dieser Prämisse gibt es also verschiedene Möglichkeiten, wie sich die Geschichte entwickelt – genauso entsteht ein guter Plot!

Wie findet man eine gute Prämisse?

Nicht alle Prämissen taugen etwas, zum Beispiel, weil sie viel zu allgemein sind oder schon tausendmal verwendet wurden, etwa „Den perfekten Mord gibt es nicht“.

Es gibt im Grunde nur drei Arten von Prämissen:

  1. Eine dramatische Situation

Im aktuellen Dystopie-Hype ist das überall anzutreffen: Irgendetwas ist geschehen, eine Seuche, eine Alieninvasion oder die Zombieapokalypse, und die Überlebenden sind auf sich allein gestellt. Nun lautet die wichtige Frage: Wie gehen Menschen damit um? Tatsächlich ist diese Art der Prämisse die, die die größte Gefahr birgt, sich zu verzetteln. Hilfreich ist es hier, viele kleine Prämissen zu einem großen Gesamtbild zusammenzufügen, also zum Beispiel „schüchterne Büromaus wächst über sich selbst hinaus“ oder „ursprünglich trinkender Polizist verteidigt Moral und Menschlichkeit“ oder „machtbesessener Politiker erweist sich als labil und unfähig zu echter Führung“, etc.

  1. Dichotomie: Gegensätzliche Kräfte

Auch diese Art von Prämisse kennt vermutlich jeder. Sie begegnet mir schon oben im Beispiel von dem wohlhabendem Mädchen und dem mittellosen Künstler. Zwei Kräfte treten hier gegeneinander an: Die Suche nach Liebe und die Gier nach Geld. Welche wird gewinnen? Das verspricht, eine spannende Geschichte zu werden. Ähnlich ist es zum Beispiel auch bei den Vampirgeschichten. Was ist stärker? Die Liebe oder der Blutdurst? Eine Prämisse aus gegensätzlichen Kräften ist beinahe ein Garant für eine gute Geschichte.

  1. Kettenreaktion

In meinen Augen ist diese Art der Prämisse die langweiligste, einfach, weil sie oft sehr vorhersehbar ist, nichtsdestotrotz kann sie ein gutes Mittel darstellen. Ein typisches Beispiel für eine Kettenreaktion ist der Film „Versprochen ist versprochen“ mit Arnold Schwarzenegger. Der vielbeschäftigte Vater verspricht seinem Sohn ein ganz bestimmtes Weihnachtsgeschenk, das aber, als er sich viel zu spät auf die Suche danach macht, bereits ausverkauft ist und so geschehen viele chaotische, lustige und berührende Momente, bis am Ende herauskommt: Nicht das Geschenk ist wichtig, sondern die Liebe. Fast alle Komödien und Familienfilme sind so gestrickt, aber es gibt auch ernsthafte Geschichten, die so verlaufen. Etwa kann eine schwere Krankheit oder eine Scheidung eine solche Kettenreaktion auslösen. Hier ist es wichtig, in der „Storyline“ viele Überraschungen und unerwartete Verläufe einzubauen, damit die Geschichte für den Leser nicht zu vorhersehbar Wird.

Lange vor dem Schreiben mache ich mir Gedanken über die Prämisse, in dem ich mir das Material anschaue, mit dem Kunden sprechen und Vorschläge machen. Wenn wir uns auf eine Prämisse geeinigt haben, entwickele ich etwas, das ich intern „Storyline“ nenne. Diese Storyline beschreibt in groben Zügen den Ablauf der Geschichte und einzelne Szenen. Das hat viele Vorteile. Zum einen kann ich mir so, bevor ich mit dem Schreiben anfangen, gut mit dem Kunden verständigen und es gibt weniger Änderungswünsche und Überarbeitungsrunden (bei vielen Büchern fast gar keine, was für meine Arbeit und gute Vorbereitung spricht). Zum anderen geht der rote Faden nicht verloren.

Bei meiner ersten Hausarbeit hatte ich Glück. Ich zeigte sie einem Freund, der schon ein paar Semester weiter war. Er fragte mich nach dem roten Faden. Ich arbeitete sie um und bekam eine gute Note. Seither habe ich die Frage nach der Prämisse immer im Kopf, wenn ich schreibe, ob nun wissenschaftlich oder belletristisch.  Ich weiß, dass es manchmal ein erfahrenes Gegenüber braucht, damit man die eigene Prämisse findet. Oder einen guten Ghostwriter.

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